Börsen-Zeitung: Dax vor Jahreshoch, Börsenkommentar "Marktplatz", von Thorsten Kramer.
ID: 774746
Dezember die Frage, ob der deutsche Aktienmarkt vor einer
Jahresendrally steht. Als leicht zu beantworten gilt sie in aller
Regel nicht, und in diesem Jahr zählt dies in besonderem Maße: Allein
die mit der Staatsschuldenkrise in der Eurozone und der geopolitisch
brisanten Entwicklung in Nahost verbundenen Risiken könnten
grundsätzlich jederzeit eine Kurskorrektur auslösen. Und dennoch
spricht einiges dafür, dass der Dax in den nächsten Wochen vor einem
weiteren Anstieg steht.
Seit dem zyklischen Tief bei 5914 Punkten in der ersten
Juni-Hälfte hat der Index bis Mitte September eine rasante Rally
absolviert. Die daran anschließende Konsolidierung ist überwunden,
und so notiert der Dax wieder deutlich oberhalb von 7400 Zählern, nur
knapp unter seinem Jahreshoch. Gemessen am Stand vom Jahresende 2011
weist das deutsche Blue-Chip-Barometer eine für die meisten
Marktteilnehmer und Analysten sehr überraschende Performance von mehr
als 20% auf.
Eine Studie der Landesbank Baden-Württemberg, in der Analysten des
Instituts untersucht haben, was eine starke Kursentwicklung in den
ersten fünf Monaten des zweiten Halbjahres für den Dezember
signalisiert, kommt zum Fazit, dass es jetzt immer noch lohnt, sich
offensiv am deutschen Aktienmarkt zu positionieren. In den
zurückliegenden 30 Jahren gewannen deutsche Blue-Chips im Dezember
demnach durchschnittlich 2,8% pro Jahr und somit etwas mehr als ein
Drittel der durchschnittlichen Gesamtperformance von 8% pro Jahr.
Dabei ist es laut der LBBW-Analyse auffällig, dass der Dax in 18 von
19 Fällen Gewinne verbuchte, nachdem er schon von Juli bis November
gestiegen war. Ohne diese Voraussetzung, so heißt es bei der
Landesbank, brachte der Dezember in sieben von zwölf Jahren
Kursverluste.
Einen gewichtigen Grund für das Ergebnis der Untersuchung sieht
Berndt Fernow, der bei der Landesbank die Gruppe Investment Strategy
leitet, im Verhalten der institutionellen Investoren. Sie agieren zum
Jahresschluss grundsätzlich vorsichtig. Sind die Kurse im zweiten
Halbjahr gestiegen, so sitzen die bereits investierten Anleger auf
einem Polster und sind nicht dazu gezwungen, bei fallenden
Notierungen schnell zu verkaufen. Unter Druck stehen dann dagegen
diejenigen, die noch unterinvestiert sind. Jeder kleinere
Kursrückgang, so Fernow, werde in diesem Umfeld dann dazu genutzt,
Positionen auf- oder auszubauen - ganz gemäß der insgesamt positiven
Marktstimmung; und genauso ist es in den zurückliegenden Wochen schon
zu beobachten gewesen. In schwachen zweiten Halbjahren seien die
Risikolimite dagegen oftmals erschöpft und Anleger müssten bei
weiteren Einbußen sehr schnell die Reißleine ziehen. "Die
differenzierte Betrachtung zeigt das außergewöhnlich gute
Chance-Risiko-Verhältnis", heißt es bei der LBBW mit Blick auf das
auslaufende Börsenjahr. Im Durchschnitt rückte der Dax in den
"starken Jahren" im Dezember um weitere 5,4% vor.
Einen Strich durch die Rechnung könnte es Anlegern jedoch machen,
wenn der Haushaltsstreit in den USA eskaliert und das Fiscal Cliff
bedrohlich näher rückt. Investoren gehen inzwischen mehrheitlich
davon aus, dass Präsident Barack Obama und die Demokraten mit den
Republikanern noch vor Weihnachten einen Kompromiss finden, der die
automatischen Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen im Gesamtvolumen
von mehr als 600 Mrd. Dollar doch noch abmildert. Gelingt dies nicht,
droht der weltgrößten Volkswirtschaft sogar der Rückfall in die
Rezession - mit dementsprechenden Reaktionen des Aktienmarktes, denn
ein solches Negativszenario ist keinesfalls in die Notierungen
eingepreist.
Erfüllen die US-Politiker indes die Hoffnungen der Anleger, könnte
dies den Börsen einen zusätzlichen Impuls verleihen. Schließlich
wird, sobald das Fiscal Cliff umfahren ist, der Blick auf die
Perspektiven der globalen Konjunktur frei, die sich nach Einschätzung
vieler Volkswirte zurzeit spürbar aufhellen.
Zusätzliche Unterstützung dürften dem Markt außerdem weitere
positive Nachrichten von der Konjunkturseite bieten. Mit den
Einkaufsmanagerindizes aus Europa und Amerika stehen gleich zu
Wochenbeginn wichtige Frühindikatoren zur Veröffentlichung an. Im
Fokus des Interesses stehen außerdem weiterhin die großen
Notenbanken. So rechnet mancher Anlagestratege bereits damit, dass
die Federal Reserve in der übernächsten Woche, also Mitte Dezember,
weitere Ankäufe festverzinslicher Papiere bekannt geben wird. Auch
dies dürften Investoren positiv aufnehmen.
(Börsen-Zeitung, 1.12.2012)
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Datum: 30.11.2012 - 19:15 Uhr
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