Schwäbische Zeitung: Fall Schavan: Kanzlerin kann Mut beweisen - Leitartikel

Schwäbische Zeitung: Fall Schavan: Kanzlerin kann Mut beweisen - Leitartikel

ID: 810754
(ots) - An Rücktrittsforderungen fehlt es nicht. Kann
eine Frau, der der Doktortitel entzogen wurde, Ministerin bleiben,
ausgerechnet Bildungsministerin sogar? Nüchtern betrachtet wird dies
schwierig. Sie könnte sich im Amt halten, wenn sie die nötige
Rückendeckung hat. Und die wird, aller Erfahrung nach, im
bevorstehenden Wahlkampf schwinden, wenn die politischen Gegner ein
ums andere Mal darauf verweisen, dass diese Bildungsministerin keinen
Studienabschluss besitzt.

Menschlich gesehen muss man trotzdem hoffen, dass Annette Schavan
und ihre Partei die Nerven behalten. Erstens, weil die
Bildungsministerin eben nicht wie Karl Theodor zu Guttenberg
seitenweise kopiert und abgeschrieben hat, sondern - selbst
eingestandene - Fehler beim Zitieren gemacht hat, die weniger schwer
wiegen. Und es gibt einige Wissenschaftler und Juristen, die Zweifel
haben, ob diese Fehler zur Aberkennung des Titels reichen.

Zweitens: Es geht nicht um eine Straftat, sondern um die Frage, ob
bei einer Doktorarbeit geschummelt wurde. Annette Schavan hat seitdem
gezeigt, was sie kann - in der Politik, in der Gesellschaft und in
der Lehre. Und drittens: Noch nicht einmal SPD-Chef Sigmar Gabriel
zweifelt an der Glaubwürdigkeit von Annette Schavan. Sie gilt als
integre Persönlichkeit, und jede Rücktrittsforderung wird
bemerkenswerter Weise auch mit diesem Hinweis verbunden. Von einer
gewissen Tragik ist dann gerne die Rede.

Annette Schavan will kämpfen, das hat sie immer angekündigt. Doch
wie es mit ihr weiter geht, das hängt in erster Linie nicht von ihr,
sondern von der Kanzlerin ab. Die ist eine nicht nur politische
Freundin Schavans. Doch Angela Merkel ist auch dafür bekannt, dass
sie knallhart handelt, wenn Gefahr für sie im Verzug ist. Das hat sie
oft gezeigt. Wenn aber Solidarität und Vertrauen ausnahmsweise einmal


vorgehen sollten in der Politik, wenn die Kanzlerin sich weiter vor
ihre Ministerin stellen würde, auch wenn es im Wahlkampf hart wird,
dann wäre das weit mehr als ein schöner Zug. Es würde zeigen, dass
die Kanzlerin Mut hat.



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Datum: 06.02.2013 - 21:10 Uhr
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