DER STANDARD-Kommentar: "Papst der Unruhe" von Josef Kirchengast
ID: 834921
Witz: Welcher Orden ist denn nun der gottgefälligste? Der
Franziskaner streicht das Bekenntnis zur Armut heraus. Der
Benediktiner preist den Fleiß seiner Brüder. Da fällt dem Jesuiten
nur noch eines ein: "Aber in der Demut sind wir allen überlegen!" Der
Witz hat einen ernsten Kern. Die Jesuiten waren und sind nicht
allseits beliebt in der katholischen Kirche. Mitunter haben sich
Mitglieder der "Gesellschaft Jesu" so verhalten, als bedeutete das
Ordensmotto "Omnia Ad Maiorem Dei Gloriam" (Alles zur größeren Ehre
Gottes), dass der Zweck die Mittel heiligt. Ordensgründer Ignatius
von Loyola sagte: "Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es
die Kirche so definiert." Der Italoargentinier Jorge Mario Bergoglio
ist der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri. Seine gelebte
Bescheidenheit als Erzbischof von Buenos Aires wie auch sein erster
Auftritt als Papst machen klar, dass Demut für ihn nichts mit
Koketterie zu tun hat. Die Namenswahl nach Franz von Assisi ist
Programmansage zugunsten einer Kirche der Armen, Benachteiligten.
Diese Kirche versteht Franziskus, wie er in seiner kurzen Ansprache
sagte, als eine gemeinsame von Klerus und Volk. Und als eine mit
Universalitätsanspruch: "Beten wir für die ganze Welt, damit ein
großes Miteinander herrsche." Dieses "große Miteinander" verträgt
sich freilich schlecht mit Bergoglios konservativ-dogmatischer
Haltung in Fragen des Glaubens und der Sexualmoral. Damit ist schon
das erste große Spannungsfeld im neuen Pontifikat umrissen.
Eingebunden in das jesuitische Netzwerk, eines der besten innerhalb
der Kirche, wird Bergoglio auch als Papst über die Verhältnisse
außerhalb der VatikanMauern weit besser informiert sein als sein
Vorgänger Ratzinger (der sich ohnehin in der stillen Theologenstube
wohler fühlte). Aber was wird Franziskus aus dieser Vernetzung
machen? Wird er den jesuitischen Missionsauftrag im engen oder in
einem weiter gefassten katholischen Verständnis umzusetzen versuchen?
Laut italienischen Medien soll seine Wahl nicht nur ein globales
Signal sein, sondern vor allem auch der von Evangelikalen bedrängten
Kirche in Lateinamerika Rückenwind geben. Hier kommt ein weiterer
Spannungsfaktor hinzu: Bergoglios unklare Haltung als
Jesuiten-Provinzial zur argentinischen Militärdiktatur. Sie steht
gewissermaßen symbolisch für das zwiespältige Verhältnis der
katholischen Kirche zu autoritären Machthabern nicht nur in
Lateinamerika. Was die Machtverhältnisse innerhalb der Kirche
betrifft, so war die Szene auf der Loggia des Petersdoms von tiefem
Symbolgehalt: ein Papst der Demut und Bescheidenheit in schlichtem
Weiß, eingerahmt von Kardinälen der römischen Kurie in leuchtendem
Purpur. Da klang es wie ein Hilferuf an die Menschenmenge unten auf
dem Petersplatz, als Bergoglio den "Weg der Brüderlichkeit, der
Liebe, des gegenseitigen Vertrauens" beschwor. Er kennt den
vatikanischen Machtapparat auch von innen und weiß, dass ein
Einzelner machtlos gegen ihn ist. Aber wie stark das Echo auf seinen
Ruf nach außen ausfällt, das liegt nun ganz an ihm. Chancen als
Reformer wird Franziskus nur haben, wenn er statt der ruhigen
Sammlung, auf die sein Vorgänger Benedikt setzte, schöpferische
Unruhe erlaubt. Und Weiß Weiß sein lässt, auch wenn ein Dogma es für
Schwarz erklären würde.
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Datum: 14.03.2013 - 19:08 Uhr
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"Franziskus verkörpert die Spannungen in der Kirche - und soll sie auflösen"; Ausgabe vom 15.03.2013
Kategorie:
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