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Pizzabäcker, Friseure und der Wandel zur Dienstleistungsökonomie

01.08.2008 - 13:29 | 55104
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Archaische Verehrung des Industriekapitalismus führt Deutschland in die Sackgasse

(firmenpresse) - Düsseldorf – Das konjunkturelle Zwischenhoch in Deutschland hat Experten aus der Reserve gelockt, die eine Renaissance des industriellen Sektors proklamierten. Nach Analysen von Henning Klodt, Leiter des Zentrums für Wirtschaftspolitik am Institut für Weltwirtschaft http://www.ifw-kiel.de in Kiel, hat sich keine Trendwende ergeben: „Seit 1991 sind in der deutschen Industrie vier Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen und zugleich mehr als fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden. Sicher, zwischen 2005 und 2007 sind in der Industrie erstmals seit Langem wieder zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden, und zwar rund 75.000. Doch in den Dienstleistungsbranchen waren es im gleichen Zeitraum 946.000 zusätzliche Jobs. Der Anteil des industriellen Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung ist damit weiter geschrumpft“, schreibt Klodt in einem Beitrag für die Wirtschaftswoche http://www.wiwo.de.

Die von vielen erhoffte Reindustrialisierung bleibe aus. „Das ist für die Betonköpfe in Politik, Wirtschaft und Verbänden keine leicht verdauliche Kost. Bei ihnen dominiert nach wie vor eine Sehnsucht nach den stabilen Verhältnissen des Industriekapitalismus. Doch die werden nie wieder zurückkommen. Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben“, bestätigt Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.com/de, im Interview mit dem Onlinemagazin NeueNachricht http://www.ne-na.de.

Obwohl die deutsche Wirtschaft mittlerweile auf mehr als drei Jahrzehnte eine Strukturwandels zugunsten der Dienstleistungen zurückblickt, gebe es nach Meinung des Wirtschaftsexperten Klodt immer noch vielfältige Vorurteile gegen diese Tatsache. So warnen Altkanzler Gerhard Schröder, professorale Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und rückwärtsgewandte Industrielobbyisten davor, die deutsche Wirtschaft davon abhängig zu machen, dass einer dem anderen die Haare schneidet. „‚Dienstleistungen kann man nicht essen’, heißt die griffige Formel. Doch kann man denn Autos essen“, fragt sich Klodt. Die Vorstellung, der Dienstleistungssektor werde geprägt von Friseuren und Pizzabäckern, sei ein Zerrbild der Realität. Die Nachfrage nach Vorleistungen trete gegenüber der Nachfrage nach Endprodukten immer mehr in den Vordergrund. „Besonders rasch gewachsen sind jene Bereiche, die Dienstleistungen für andere Unternehmen erbringen. Der sektorale Strukturwandel vollzieht sich also nicht primär über eine Verdrängung von Industriewaren durch Dienstleistungen, sondern durch eine Verdrängung alter Produkte durch dienstleistungsintensiver hergestellte Produkte“, erläutert Klodt. Das reiche weit in die Industrie hinein.



„Die Herstellung eines iPhones bringt doch für Apple nicht die Wertschöpfung. Design, nutzerfreundliches Interface, Vertrieb, Marketing, Software-Applikationen und die höchst erfolgreiche Internetplattform iTunes sind entscheidend für den Erfolg von Steve Jobs. Beim Landmaschinenhersteller John Deere war man bis in die 1990er Jahre auf den Maschinenverkauf fokussiert. Der Landmaschinenhersteller erkannte frühzeitig die Wachstumspotenziale auf dem gesamten Green Market und kaufte mehrere Unternehmen aus dem Garten- und Landschaftssegment. Aus John Deere wurde JDL. Die frühere Mähdrescherfirma verkauft jetzt Rollrasen, Landschaftskonzepte, Beratung, vergibt Kredite für Gartenbauunternehmen und baute eine Fortbildungsakademie auf. Mit der reinen Produktzentrierung können Unternehmen keine ausreichenden Gewinnmargen mehr erwirtschaften“, weiß IT-Fachmann Nadolski.

Der Systemarchitekt Bruno Weisshaupt, Autor des Buches „SystemInnovation – Die Welt neu entwerfen“, geht noch einen Schritt weiter: „Die Welt wird in Zukunft nicht aus Produkten bestehen, sondern aus Anwendungen, die sich direkt an den spezifischen Anforderungen des Prozesses, des Marktes, des Menschen ausrichten. Dieser Ansatz führt vom Produkt weg zur Applikation als Angelpunkt zukünftigen Erfolgs, oder anders formuliert: Es wird immer weniger darum gehen, technisches Gerät zu besitzen, und immer mehr darum, Dienste zu nutzen, on Demand, individuell zugeschnitten, komfortabel und einfach im Handling.“ Handys etwa seien im Grunde wertlos, weil sie flächendeckend verschenkt werden. Wofür man bezahlt, sei alleine die Anwendung, betont Weisshaupt, Geschäftsführer von Origo http://www.origonet.ch. Vernetzte Infrastrukturen, in die wir uns einloggen und die wir nutzen wie heute das Internet, werden in Zukunft das Rückgrad unserer Wirtschaft und Gesellschaft sein.

Und auch für die Bürowelt ergeben sich Umwälzungen. So plant Jonathan Schwartz, Chef des US-Konzerns Sun Microsystems, sein persönliches Büro ganz aufzulösen. „Mal arbeitet er von zuhause aus, mal nutzt er ein Café, mal ist er in der Firma. Schwartz führt so vor, wie Wissensarbeit in Zukunft abläuft. Der Arbeitsstil ist nomadisch, es gibt keinen festen Ort mehr, an dem er 70 Prozent seiner Zeit verbringt. Mittel der Verständigung ist Skype, das Internet-Bildtelefon, das für jedermann kostenlos nutzbar ist. Werkzeuge, die ihn überall hinbegleiten: Blackberry und Laptop. Diese Geräte ersetzen die komplette Infrastruktur des stationären Büros. Einen großen Teil der Nachfrage nach Kommunikation bedient er mittels eines Internet-Tagebuchs. Hier meldet sich Schwartz fast täglich mit Einträgen zu Wort, die er vornehmlich für seine Kunden verfasst“, so Trendletter-Chefredakteur Axel Gloger.

An guten Tagen erreiche sein Blog http://blogs.sun.com/jonathan rund 50.000 Leser. Für den Erfolg der Verständigung komme es auf Lebendigkeit und Frequenz an, nicht auf physische Präsenz. Der nomadische Arbeitsstil von Schwartz hat zudem einen positiven Nebeneffekt für die Umwelt: die Zahl seiner Reisetage hat sich drastisch reduziert. Früher war Schwartz pro Monat 15 Tage unterwegs. Heute sind es weniger als sechs Tage. „Elemente dieser Praxis finden sich im gesamten Unternehmen. 17.000 Mitarbeiter nehmen am ‚Open-Work-Programm’ teil. Anwender dieses Arbeitsstils telefonieren wenig, machen kaum Termine und reduzieren die Zahl physischer Treffen. Die Mitarbeiter können Arbeitsort, Arbeitszeit und Arbeitsmittel frei wählen“, führt Gloger aus. Die Fixierung wirtschaftlicher Wertvorstellungen auf physisch greifbare Dinge habe in Deutschland möglicherweise archaische Wurzeln, denen mit nüchterner Ökonomie kaum beizukommen sei, so das nüchterne Fazit des Wirtschaftswissenschaftlers Klodt.

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