Neues Deutschland: Buchmesse: Lesenszeit
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um Geschäfte, aber Leipzig liest auch. Wo gelesen wird, hat nicht nur
Unterhaltung, sondern auch Sinn eine Chance - und das Sinnen nach dem
Wert von Literatur. In einer Zeit, da der Rundfunk mehr und mehr
»entwortet« wird. Und der gute, sperrige Film? Ist oft nur das
Nachtprogramm für sperrige Leute, die auch aus anderen Gründen so
leicht nicht in den Schlaf kommen. Leser sind Menschen, deren
Hoffnungen nicht vernichtet sind. Erwartung gilt ihnen ein wenig mehr
als Erfahrung. Das Heer der Leser, auch in Leipzig, ist eine
differenzierte Menge Unzufriedener, die in stiller Zwiesprache mit
ihrer Sehnsucht durch den Tag gehen. Leser sein, Frager sein. Wie
sehr nehmen wir noch Anteil an dem, was andere neben uns lesen? Wie
lange haben wir überhaupt Geduld für ein Buch? Ist ein Urlaub noch
vorstellbar, den man einzig darauf abstellt, daheim zu bleiben und in
einer zusammenhängenden Zeit Musils »Mann ohne Eigenschaften« oder
Thomas Manns »Zauberberg« zu lesen? Wie oft gibt man noch ein Buch
erregt an Freunde weiter, weil man unbedingt möchte, dass auch sie
das lesen, und weil man auf die andere Ansicht neugierig ist?
Manchmal wird gemeint, man könne aus Literatur etwas lernen. Nein,
man lernt daraus nichts, aber man kann etwas damit anfangen. Man hat
von Literatur nichts - aber man hat sich selbst. Für eine kostbare
kurze Lese-Zeit. Wenn einem diese Kostbarkeit bewusst wird, hat die
Welt draußen schon verloren. Das ist der erste Schritt, ihr
beizukommen.
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Datum: 13.03.2012 - 17:38 Uhr
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