Kinder-Marketing: Nestlé verstößt gegen eigene Unternehmensgrundsätze / Grundschulprogramme und Kinder-Werbung für überzuckerte Snacks / Offener Brief an Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge
ID: 619092
Grundsätze zur Beschränkung von Werbung an Kinder und zur Herstellung
gesunder Nahrungsmittel. Entgegen seiner offiziellen
Unternehmensziele vermarktet der größte Lebensmittelkonzern der Welt
vor allem Süßigkeiten und überzuckerte Frühstücksflocken an Kinder
unter 12 Jahren und ist mit vielen verkappten Marketingprogrammen in
Grundschulen präsent.
Anlässlich des Nestlé-Zukunftsforums am 19. April 2012 in Berlin
forderte die Verbraucherorganisation foodwatch
Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge in einem Offenen Brief
auf, die eigenen Grundsätze endlich in die Tat umzusetzen: "Bieten
Sie Kindern tatsächlich 'gesündere Nahrungsmittel- und
Getränkeoptionen' an", schrieben foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode
und Campaignerin Anne Markwardt in Anspielung auf Nestlés
Zielsetzung. "Beenden Sie jegliches Kindermarketing für Eiscreme,
überzuckerte Frühstücksflocken und andere unausgewogene Produkte.
Ziehen Sie sich aus den Schulen zurück und stellen Sie Ihre so
genannten 'Bildungsinitiativen' ein. Leisten Sie einen Beitrag dazu,
dass Schulen PR- und werbefreie Räume werden." Nestlé solle das
"Zukunftsforum" mit geladenen Gästen dazu nutzen, die Probleme der
Kinderernährung zu thematisieren und sich zur eigenen Verantwortung
zu bekennen.
foodwatch hat Nestlés Portfolio bei Kinderlebensmitteln und die
Marketingaktivitäten für diese Produkte analysiert. Teilweise
verstößt der Konzern ganz offen gegen die postulierten Grundsätze,
teilweise umgeht er sie durch willkürliche Ausnahmereglungen:
Versprochen - gebrochen I: Unausgewogene Kinder-Produkte statt
"gesündere Optionen"
- Versprochen: Nestlé verpflichtet sich dem "Ziel", "Tag für Tag
(...) gesündere Nahrungsmittel und Getränkeoptionen bieten" zu
wollen.
- Gebrochen: Tatsächlich sind 50 Prozent der Produkte, die Nestlé
Deutschland gezielt an Kinder vermarktet oder als Kinderprodukte
bewirbt, süße und unausgewogene Snacks. In der
Ernährungspyramide des vom Bundesernährungsministerium
geförderten aid-Infodienstes liegen sie im "roten" Bereich an
der Pyramidenspitze und sollten nur selten und in kleinen Mengen
verzehrt werden. Bei Frühstücksflocken, die grundsätzlich ein
ausgewogenes Frühstück darstellen könnten, fallen sogar alle
gezielt an Kinder vermarkteten Nestlé-Produkte aufgrund ihres
hohen Zuckeranteils zwischen 30,4 und 36,9 Prozent in den
"roten" Bereich.
Versprochen - gebrochen II: Marketing an Kinder statt
ernstgemeinter Selbstbeschränkung
- Versprochen: Nestlé schreibt: "Für die Werbung und anderen
Marketingaktivitäten gegenüber Kindern gelten strenge Auflagen.
Nestlé verzichtet auf jegliche direkte Werbung gegenüber Kindern
unter sechs Jahren. Gegenüber Kindern zwischen sechs und zwölf
Jahren dürfen nur solche Produkte beworben werden, die für die
Ernährung dieser Altersgruppe geeignet sind und eine positive
Rolle in einer ausgewogenen Ernährung dieser Altersgruppe
spielen können. Die entsprechenden Produkte werden einer
Überprüfung anhand ernährungswissenschaftlicher Vorgaben
unterworfen."
- Gebrochen: Nestlé-Frühstücksflocken für Kinder (CiniMinis,
Cookie Crisp etc.) enthalten allesamt mehr als 30 Prozent Zucker
- sie sind kein ausgewogenes Frühstück, sondern Süßigkeiten.
Dennoch wirbt Nestlé für diese Produkte mit TV-Spots, die
eindeutig Kinder unter 12 Jahren ansprechen und ködert die
Kleinen auch im Netz. Auf der Internetseite der Kindersendung
Toggo (Super RTL, Zielgruppe 7- bis 13-Jährige) zum Beispiel mit
CiniMini-Spielen und Gewinnaktionen. Zudem ist "Marketing" mehr
als nur klassische Werbung in Fernsehen oder Zeitungen - nur
darauf bezieht Nestlé jedoch die Selbstbeschränkung auch für
klassische Süßigkeiten: Verpackungsgestaltung und
Promotion-Aktionen an den Verkaufsstellen etwa für
Schöller-Eiscreme oder Smarties sprechen gezielt junge Kinder
an.
Versprochen - gebrochen III: Junkfood-Propaganda statt
Gesundheitsförderung
- Versprochen: "Wir verpflichten uns zu einer verantwortungsvollen
(...) Kommunikation, die (...) eine gesündere Ernährung
fördert", heißt es in den Nestlé-Grundsätzen.
- Gebrochen: Mit Spielzeugbeigaben wie "Hot Wheels"-Spielzeugautos
und Prämien für Sammelpunkte schafft Nestlé besondere Anreize
zum Kauf überzuckerter Frühstücksflocken, bei Kindern beliebte
Comicfiguren (Donald Duck, Hello Kitty) locken als Werbefiguren
für Schöller-Eis. Mit dieser Ansprache fördert Nestlé den Absatz
von Süßigkeiten - aber keine "gesündere Ernährung".
Versprochen - gebrochen IV: Grundschul-Programme statt
Privatsphäre
- Versprochen: "Wir wahren (...) die Privatsphäre der
Konsumenten", gibt Nestlé an - und propagiert den Verzicht auf
Markenkommunikation in Grundschulen mit Ausnahmen für Produkte,
die bestimmten Nährwert-Profilen entsprechen.
- Gebrochen: Mit Wettbewerben wie "Unsere Klasse is(s)t klasse"
oder Bildungsinitiativen wie "Frühstückszeit - Lesezeit" ist
Nestlé auch in Grundschulen präsent. Dabei vermeidet der Konzern
zwar direktes Produktmarketing, betreibt aber indirekt Werbung
für die Marke Nestlé und sein im Segment der Kinderlebensmittel
wenig ausgewogenes Portfolio.
Links:
- Offener Brief von foodwatch an Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard
Berssenbrügge: http://bit.ly/J0WFsA
- Mehr Informationen zum Thema: http://bit.ly/IXRbB4
Redaktioneller Hinweis:
- Nestlé-Unternehmensgrundsätze (Quelle der zitierten Passagen):
http://bit.ly/IxoLJA und http://bit.ly/JfaqmX
Pressekontakt:
foodwatch e.V.
Martin Rücker
E-Mail: presse@foodwatch.de
Tel.: +49 (0)30 / 24 04 76 - 23
Fax: +49 (0)30 / 24 04 76 - 26
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Datum: 18.04.2012 - 13:00 Uhr
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