Aachener Zeitung: Kommentar: Geht es Ihnen gut? Die Bundesregeirung will die Lebensqualität messen

Aachener Zeitung: Kommentar:
Geht es Ihnen gut?
Die Bundesregeirung will die Lebensqualität messen
Bernd Mathieu

ID: 1011430
(ots) - Das ist mal eine ambitionierte Umfrage! Zukünftig
wird Ihre Lebensqualität gemessen. Die Bundesregierung will Bürger in
100 Dialogveranstaltungen befragen. Über die Qualität des Lebens
lässt sich trefflich philosophieren. Wie definiert man Zufriedenheit?
Als Abwesenheit von Krankheit? Ganz bestimmt. Als Verzicht auf
Stress? Gewiss. Aber zu viele verstehen Lebensqualität immer noch als
pekuniären Wohlstand, als ihren Anteil am Bruttosozialprodukt. Geld
dient als Statussymbol. Da stehen Konsum und das
Sich-etwas-leisten-Können in der ersten Reihe materieller
Befindlichkeiten. Aber da muss es auch um den Preis gehen, den wir
nicht bereit sind für die Dienstleistung ärmerer Gesellschaften zu
zahlen, etwa für Lebensmittel und Billig-Textilien im Supermarkt -
mit dem Kassenbon als Ausbeutungsnachweis in der Auseinandersetzung
zwischen Arm und Reich, zwischen Wohlstand und Gerechtigkeit,
zwischen Anspruch und Anstand. Reich und unglücklich Wir merken
längst, dass Geld nicht der Gradmesser für Lebensqualität ist. Der
hat mit Zeit, mit Familie, mit Freunden, mit einem vernünftigen
Arbeitsplatz, finanzieller Sicherheit, mit einem in unserem Land
trotz vorhandener kleiner Defizite exzellenten Gesundheitssystem, mit
einer funktionierenden Demokratie, einer passablen Infrastruktur und
der Fähigkeit zu tun, Positives zu würdigen und überflüssige Meckerei
auszublenden. Manches politische Versprechen muss allerdings
reklamiert werden: Der Zustand der Kitas, der Kinderbetreuung, der
Schulen und der Universitäten spielt eine Hauptrolle. Zum Beispiel.
"Wenn ich einen unglücklich machen wollte, würde ich ihn reich
machen", hat der Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf, gesagt.
Deutschland gilt, so konnten wir es im vorigen Jahr in einer Umfrage
der BBC überrascht lesen, als das beste Land der Welt. Ist uns, den


so häufig Unzufriedenen, das überhaupt bewusst? Die Menschheit war
der Lebensqualität schon früher auf der Spur. "Es wäre ja auch
unverständlich, dass das Endziel ein Spiel und das ganze Leben ein
Arbeiten und Ertragen von Härten sein soll - um des Spiels willen."
(Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch X, 6. Kapitel). Da hat der
alte Meister schon gesagt: Wirtschaftswachstum, also Geld, alleine
ist es nicht, das uns glücklich und zufrieden macht. Von Erben und
Anglern Das lässt sich statistisch beweisen. Blicken wir dazu in das
empfehlenswerte Buch "Wie viel ist genug?" von Robert und Edward
Skidelsky, dort heißt es: "Das Glücksniveau in Großbritannien hat
sich seit 1974 kaum verändert, während sich das reale
Pro-Kopf-Einkommen im selben Zeitraum beinahe verdoppelt hat. In
anderen Industrieländern sieht es ähnlich aus. Ab einem gewissen
Niveau scheinen Einkommen und Glück nicht mehr gekoppelt zu sein."
So viel wie zurzeit vererbten die Deutschen noch nie, 2013 die
Rekordsumme von 254 Milliarden Euro. Jeder fünfte Erbe hat mehr als
100000 Euro erhalten. Das pure Glück! Oder doch nicht. Ein schöner
und sehr klug gestalteter Cartoon zeigt zwei Angler: Der angelnde
Ex-Manager sagt zu seinem angelnden Nachbarn am Ufer: "Ich habe mein
Leben lang gearbeitet, um mir diesen Traum zu erfüllen. Und Sie?"
Antwort: "Ich bin jeden Tag hier. Schon immer." Das ist
Lebensqualität pur. Die kann keine Kanzlerin und keine Regierung
schaffen, dafür braucht man noch nicht einmal eine Umfrage, so
sinnvoll und richtig das sein wird. Das muss man schon selber ändern,
irgendwie, irgendwann.



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Datum: 28.01.2014 - 18:20 Uhr
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