Aachener Zeitung: Kommentar Wenn der Rubel rollt Die Olympischen Verschwendungsspiele Zar Putins Ber

Aachener Zeitung: Kommentar
Wenn der Rubel rollt
Die Olympischen Verschwendungsspiele Zar Putins
Bernd Mathieu

ID: 1016064
(ots) - Möge jede Form eines Fiaskos verhindert werden! Das
muss man im Interesse der Sportlerinnen und Sportler hoffen, die sich
seit Jahren auf die Olympischen Größenwahn-Spiele in Sotschi
vorbereiten. Sie sind nicht verantwortlich für die unfassbar lange
Liste an Zumutungen. Die Stichwörter lauten: Korruption,
Verschwendung, Umweltzerstörung, Terrorgefahr, Einschüchterung,
Homophobie, Gier, Personenkult. Das ist eine Aneinanderreihung von
Skandalen und deshalb in aller Schärfe zu kritisieren. Mit aktiven
Sportlern hat das nichts zu tun, sehr wohl aber mit ihren sich
majestätisch gebärdenden Sportfunktionären, deren Sichtweise
dramatisch von Dollar-, Euro- und Rubelzeichen getrübt ist. Was sich
da rund um die Olympia-Tempel und goldenen Kälber in Sotschi
abspielt, hat mit der Olympischen Charta nicht mehr die geringste
Ähnlichkeit. Allenfalls naive Apostel interessieren sich noch für
Moral, Ethik und Wahrheit, aber doch nicht der "normale" olympische
Geschäftemacher. Keine Diskriminierung. Achtung der Menschenwürde.
Pflege einer friedlichen Gesellschaft. Das sind die Säulen der auf
geduldigem Papier niedergeschriebenen Charta. Zar Putin hat sie
längst brutal eingerissen. Die Spitzenfunktionäre unter Führung des
Deutschen Thomas Bach schauen und hören meist nickend und wohlwollend
lächelnd zu, und außer dem üblichen rhetorischen Diplomaten- und
Funktionärsgedöns ist ihnen nichts zu entlocken.

Was sollen diese mutigen Repräsentanten der guten Sache im Zeichen
der Ringe denn sagen? Putin hat die Musik bestellt und bezahlt,
jetzt haut er auf die dickste aller verfügbaren Trommeln. Der Rest
Russlands und der Welt hat die Klappe zu halten. Wir im Westen,
allesamt lupenreine Demokraten, rollen unterdessen seinem
prominentesten PR-Gag den roten Teppich vor dem Berliner
"Adlon"-Hotel aus. Dass Putin den Oligarchen Michail Chodorkowski,


diesen lupenreinen Unschuldsengel, dem jede kriminelle Energie
selbstverständlich völlig fremd war, in die Freiheit entlassen hat,
ist das übelste Schmierenstück in dieser russischen Oper. Fehlte
jetzt noch, dass irgendein lupenreiner Gutmensch den lieben
Chodorkowski für den Friedensnobelpreis vorschlägt. Nein: Wir können
nicht von den Sportlern verlangen, was wir selber auch nicht leisten,
wenn wir unsere Urlaube in Kenia, China, Dubai oder Thailand
verbringen. Da protestiert kein demokratischer Tourist all inclusive
am Swimmingpool seiner Fünf-Sterne-Anlage für die Menschenrechte
afrikanischer oder asiatischer Einwohner. Also lassen wir die Aktiven
in Ruhe und zittern mit ihnen um die Medaillen.

Den Funktionären muss man auf die Füße treten und sie fragen, nach
welchen Kriterien sie die Spiele in Zukunft vergeben wollen. Das gilt
auch für den Weltfußballverband, der die WM 2018 an die Putin-Russen
verscherbelt hat. Die WM 2022 in Katar wird den Irrsinn noch
steigern. Man sollte ernsthaft die Zurechnungsfähigkeit einzelner
Funktionäre vor den entscheidenden Abstimmungen untersuchen. Sotschi
ist das traurige Paradebeispiel dafür, dass alle Augen zugedrückt
werden, wenn der Rubel rollt. Widerstand ist dann zwecklos.
Gewissensbisse sind strengstens verboten. Gewalt wird geduldet. Die
Welt ist mit einem Schlag friedfertig; denn Putin schmust sogar mit
Leoparden. Die in den Ringen vereinigten Kosakenchöre der
Olympia-Häupter haben sich auf einstimmige Harmonie verständigt.
Eigentlich kann man diese Inszenierung der Spiele nur als Albtraum
empfinden. Eigentlich. Aber um der Sportlerinnen und Sportler willen
sollten wir nicht den Misserfolg der Olympischen Spiele herbeisehnen.
Die One-Man-Show des Zaren sorgt ohnehin schon für genügend
Brechreiz.



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Datum: 06.02.2014 - 17:13 Uhr
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