Weltkopfschmerztag am 5. September / "Kopfschmerzen betreffen alle sozialen Schichten" / Interview mit Prof. Dr. Andreas Straube, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
ID: 1103827
Deutschland leiden mehr als 70 Prozent der Menschen zeitweise unter
einer der insgesamt über 300 verschiedenen Arten von Kopfschmerz.
Anlässlich des heutigen Weltkopfschmerztages hat Pharma Fakten den
Präsidenten der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Prof.
Dr. Andreas Straube, hinsichtlich des aktuellen Standes und der
Perspektiven beim Thema Kopfschmerz befragt.
In der Presse liest man immer wieder Schlagzeilen wie
"Kopfschmerzen nehmen zu" oder "Jeder zweite Grundschüler klagt über
Kopfschmerzen". Lässt sich tatsächlich ein Trend hin zu mehr
Kopfschmerzen ausmachen?
Diese Schlagzeilen sind sicher nicht ganz unbegründet.
Kopfschmerzen betreffen alle sozialen Schichten. Insgesamt lassen
sich nur graduelle Unterschiede zwischen den Gruppen ausmachen. Eine
Studie im süddeutschen Raum hat kürzlich erst ergeben, dass etwa 80
Prozent der Gymnasiasten zwischen zwölf und 16 Jahren an
Kopfschmerzen leiden. Aber nicht nur unter Schülern sind
Kopfschmerzen ein Thema.
Bei welchen Personengruppen nehmen Kopfschmerzen besonders zu?
In Deutschland lässt sich vor allem in den mittleren Schichten
eine Zunahme von Kopfschmerzen ausmachen. Eine Studie, die die
Kopfschmerzhäufigkeit über die letzten 20 Jahre untersucht hat,
stellt fest, dass speziell in den Einkommensgruppen ab 3.500 Euro pro
Monat Kopfschmerzen zunehmen. Gleiches gilt für Beamte. Interessant
ist in diesem Zusammenhang der Blick in die USA: Hier nehmen
Kopfschmerzen vor allem in den unteren sozialen Schichten zu.
Wo liegen die Ursachen für diese Zunahme von Kopfschmerzen?
Um eine wissenschaftlich fundierte Aussage hierzu zu treffen, ist
die Datenlage bisher leider zu knapp. Als sicher gilt jedoch, dass
Stress ein wesentlicher Faktor für das Auftreten von Kopfschmerzen
ist. Der steigende Anteil Jugendlicher, die unter Kopfschmerz leiden,
könnte somit durch einen allgemeinen Wandel im Lebensstil sowie eine
höhere alltägliche Stressbelastung zu erklären sein. Ähnliches gilt
für die Mittelschichten: Hier wird es zunehmend schwerer seinen
eigenen Status-Quo zu halten. Sicherlich auch ein enormes
Stresspotenzial.
Was bedeutet es, regelmäßig an Kopfschmerzen zu leiden? Kann das
langfristige Auswirkungen haben?
Gelegentliche Kopfschmerzen gehören zum Leben dazu und haben in
der Regel keine großen Auswirkungen auf den Alltag. Ein wirkliches
Problem sind sie allerdings, sobald sie hochfrequent oder chronisch
(ab acht bis zehn Tagen pro Monat) auftreten. Dann werden
Kopfschmerzen zu einem großen Leid für die Betroffenen. Die Krankheit
kann die Patienten extrem in ihrem Alltag einschränken. So haben
Menschen, die unter chronischer Migräne leiden, zum Beispiel ein 20
bis 30 Prozent höheres Risiko, arbeitslos zu sein. Nicht ohne Grund
listet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Kopfschmerzen sogar
unter den zehn Erkrankungen mit den stärksten funktionellen
Behinderungen weltweit auf.
Wie sieht eine moderne Kopfschmerztherapie aus und welche Rolle
spielen Medikamente dabei?
Grundsätzlich muss bei der Kopfschmerztherapie zwischen der
Prophylaxe, also der Kopfschmerzvorbeugung, und der Behandlung des
akuten Kopfschmerzes unterschieden werden. Als Gesamtkonzept greifen
beide Ansätze ineinander. In der Prophylaxe spielen auch
nicht-medikamentöse Ansätze wie Sport- und Verhaltenstherapie eine
wichtige Rolle. Eine Akuttherapie ohne Medikamente ist trotz
zahlreicher gut gemeinter Hausfrauentipps jedoch nicht denkbar.
Wichtig bei der medikamentösen Behandlung ist, dass die Einnahme der
Medikamente bewusst erfolgt - das heißt gezielt und nicht zu häufig.
Realistisch betrachtet, welcher zukünftige Forschungserfolg würde
Kopfschmerzpatienten Ihres Erachtens nach am meisten helfen?
Wenn es uns gelingt, den Zusammenhang zwischen Stress und der
Erregbarkeit des Gehirns zu verstehen und zu modulieren, dann wäre
der wesentliche Schritt zur Lösung des Problems Kopfschmerz getan.
Außerdem müssen zielgerichtete Medikamente entwickelt werden. Der
Forschungsfokus darf nicht allein auf großen Indikationsgebieten wie
der Migräne liegen. An einzelnen Stellen ist hier noch Luft nach
oben.
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Datum: 04.09.2014 - 11:55 Uhr
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