Südwest Presse: KOMMENTAR · KIRCHEN
ID: 1138364
Fatales Signal Die Kirchen sind ein Staat im Staat - zumindest
faktisch. Nirgends ist das so augenfällig wie dort, wo sie als
Arbeitgeber auftreten. Egal, ob es um das Streikrecht oder den
leidigen Themenkreis sexueller Beziehungen in all ihren
Erscheinungsformen geht - ein Arbeitnehmer, der nicht auf Linie ist,
muss seinen Hut nehmen. Unter der Knute der Sittenlehre sind alle
gleich - von der lesbischen Kindergärtnerin bis zum
wiederverheirateten Chefarzt. Gestern hat das
Bundesverfassungsgericht dieser unseligen Praxis einmal mehr seinen
juristischen Segen gegeben. Böse Zungen behaupten ja, das Grundgesetz
sei im Schatten des Kölner Doms verfasst worden. Die Auslegung, die
die Richter der Religionsfreiheit geben, bestätigt das: gegen das
Individuum und für die Organisation. Sie siedeln das
Selbstbestimmungsrecht der Kirchen derart hoch an, dass deren
Verpflichtung auf die für alle geltenden Gesetze zur Makulatur wird.
Formal mag sich das begründen lassen, politisch passt es nicht mehr
in die Zeit. Immer mehr Menschen kehren den Kirchen den Rücken -
nicht nur aus steuerlichen Gründen. Gleichzeitig verkünden Kleriker
das Ende der These einer zunehmenden Säkularisierung der
Gesellschaft, fundamentalistische Christen ziehen gegen zeitgemäße
Bildungspläne zu Felde. Ihnen allen haben die Verfassungsrichter
gestern die Stange gehalten. Ein fatales Signal. Es sei daran
erinnert: Etliche Sozialeinrichtungen, in denen die Kirchen gegenüber
den Arbeitnehmern rigoros ihre Anschauungen durchsetzen können, sind
weitgehend staatlich finanziert. Zumindest dort sollten alle
Standards einer freien Gesellschaft gelten dürfen,
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Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218
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Datum: 20.11.2014 - 18:49 Uhr
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