Börsen-Zeitung: Die Geister, die sie riefen, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn
ID: 1145783
kaum vorstellen. Die großen US-Aktienindizes erreichen erneut
Rekordstände, der Dax schafft es erstmals, sich über der Schwelle von
10000 Zählern zu halten, Japans Nikkei klettert erstmals seit sieben
Jahren wieder über 18000 Yen, und der Shanghai Composite steigt über
die Marke von 3000 Punkten und damit auf Höhen, die er zuletzt im
April 2011 gesehen hat. Doch nicht jeder sieht nur eitel
Sonnenschein.
Es wirkt fast wie perfektes Timing, dass die Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einem Umfeld, in dem sich
die Aktienmärkte in allen Zeitzonen im Höhenflug befinden, mahnend
den Finger hebt. Jüngste Entwicklungen, so die BIZ, deuteten darauf
hin, dass die Märkte zunehmend fragil werden. Als sich der
Verkaufsdruck Mitte Oktober verstärkt habe, sei die Marktliquidität
vorübergehend ausgetrocknet, was die Marktbewegungen zusätzlich
verstärkt habe. Die Schwankungen hätten ein Ausmaß angenommen, das in
keinem Verhältnis zum Anlass gestanden habe. So hätten die Renditen
der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen heftigere Bewegungen
erlebt als nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Dass
ausgerechnet die "Bank der Zentralbanken" darauf hinweist, dass die
globale Geldpolitik bei der Entstehung des als besorgniserregend
empfundenen Zustands eine entscheidende Rolle spielt, entbehrt nicht
einer gewissen Ironie. Umfangreiche monetäre Stützungsmaßnahmen
hätten in den zurückliegenden Jahren den Risikoappetit angeregt und
eine Suche nach höher rentierlichen Anlagen angefacht.
Nun werden die Notenbanken die Geister, die sie riefen, nicht mehr
los. Der Bericht der BIZ erinnert eindringlich daran, dass von den
zur Krisenbewältigung ergriffenen besonderen geldpolitischen
Maßnahmen zunehmend Risiken ausgehen, die die nächste große Krise
auszulösen drohen. Durch die Überschwemmung der Märkte mit Liquidität
suchen immer gigantischere Summen nach Anlagen. Sie sind zudem durch
die Fixierung auf Notenbankaktivitäten zunehmend in ihrer Bewegung
gleichgerichtet, was das Risiko extremer Marktausschläge zusätzlich
erhöht. Außerdem treiben die ultraniedrigen Zinsen die Investoren
zunehmend in riskante Anlagen, die zudem tendenziell auch weniger
liquide sind.
In Schönwetterperioden, in denen die Marktteilnehmer wie derzeit
auf die Macht der Notenbanken und eine Beschleunigung des weltweiten
Wachstums vertrauen, ist all dies kein Problem. Doch wehe, wenn
schlechtes Wetter aufzieht.
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Datum: 08.12.2014 - 20:50 Uhr
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