Gewaltprävention in Schule und Kindergarten

Gewaltprävention in Schule und Kindergarten

ID: 1163239

Pressemitteilung, 21.01.2015
Kassel/Hamburg, 21. Januar 2015/CU/CMS. Rund 170 PädagogInnen, Eltern, OberstufenschülerInnen und MitarbeiterInnen von sozialen Einrichtungen nahmen an dem Thementag Gewaltprävention mit dem Titel „Trau Dich“ teil, zu dem die Verbände der Waldorfpädagogik am Freitag ins Anthroposophische Zentrum nach Kassel eingeladen hatten. Veranstalter waren der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS), die Vereinigung der Waldorfkindergärten und Anthropoi, der Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen.



(firmenpresse) - Die von Gewalt oder sexuellen Übergriffen Betroffenen sehen sich oft mit Ängsten und Verunsicherungen derjenigen konfrontiert, an die sie sich hilfesuchend wenden. Hier sollte der Thementag Hilfestellung für alle anbieten, die für sich und ihre Einrichtung nach Wegen der Prävention und professionellem Umgang mit verschiedenen Formen der Gewalt suchen. BdFWS-Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick unterstrich auf dem Plenum der Veranstaltung die Notwendigkeit von Fortbildungen und entsprechenden Handreichungen zum Thema für alle Waldorfschulen und andere pädagogische Einrichtungen. „Die Schulen müssen das Instrumentarium an die Hand bekommen, um im Interesse der Schülerinnen und Schüler professionell handeln zu können, wenn Übergriffe bereits erfolgt oder zu befürchten sind“, betonte Kullak-Ublick und kündigte dazu verstärkte Aktivitäten des Vorstands an.

Anregungen für den pädagogischen Alltag bildeten einen Schwerpunkt der Veranstaltung. Ingrid Ruhrmann, Sonderschullehrerin, Frühförderin und Mitbegründerin des Bernard Lievegoed Instituts Hamburg, erläuterte in ihrem Impulsreferat verschiedene Formen und Stufen der Gewalt, die „viele Gesichter“ haben könne. Sie reichen vom Schlechtmachen eines Elternteils dem Kind gegenüber, das so als Freund missbraucht werde, über zu festes Anfassen bis zu sexuellen Übergriffen. Der Tagungstitel „Trau Dich“ richtet sich nach den Worten Ruhrmanns an die Erwachsenen, die sich auch alltägliche Grenzüberschreitungen Kindern oder Schutzbefohlenen gegenüber bewusst machen und klärend eingreifen müssen – so ihr Konzept der Prävention. Dazu gehöre oft viel Mut z.B. auch beim Aushalten der Einsicht, dass die Täter zu 99,5 Prozent aus dem unmittelbaren Umfeld kommen. Damit würden Menschen zu Tätern, denen man es „nie und nimmer zugetraut“ hätte.

Oft sei es das Fehlen „klarer Spielregeln“, die die Übergriffe begünstigten. Damit verwies Ruhrmann auf die Verantwortung der Erwachsenen für die Prävention in der Waldorfpädagogik und grenzte sich von Konzepten ab, die Kinder „stark machen“ und zum Nein-Sagen gegenüber potentiellen Missbrauchern ermutigen wollen. Dies entspreche auch nicht den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung, nach denen umfassende Wahrnehmung und Einschätzung einer Situation einen Reifezustand des Gehirns voraussetzen, der sich erst zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr ausbildet. Ähnlich sehe es auch die Menschenkunde Rudolf Steiners.



Als Auswirkung der Anwendung von Gewalt nannte Ruhrmann den Verlust der Sicherheit des eigenen leiblichen Raumes. „Eine Tür steht immer offen“, meinte sie und begründete damit, warum von Gewalt und Missbrauch Betroffene häufig erneut zum Opfer werden, auch im Erwachsenenalter.

Buchautor und pädagogischer Berater Mathias Wais, der langjährige berufliche Erfahrung mit Opfern und Tätern von sexuellem Missbrauch hat, schilderte die wichtigsten Merkmale der Täterstrategien. Sie basieren immer auf einem bereits länger bestehenden Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Missbrauchendem, so dass die Betroffenen zunächst gar keine Opfergefühle empfinden, sondern sich im Gegenteil privilegiert und ausgezeichnet fühlen dafür, dass sie von dem Erwachsenen bevorzugt werden. Der außerfamiliäre Täter sucht sich gezielt ein besonders zuwendungsbedürftiges, evtl. auch ausgegrenztes Kind aus und präsentiert sich diesem als verständnisvoller Helfer. Über das sogenannte „Grooming“ baut er zudem eine vertrauensvolle Beziehung zu dem sozialen Umraum des Kindes, also primär zu den Eltern, auf. „Beim sexuellen Missbrauch handelt es sich um eine Eskalationstat, die harmlos beginnt und sich dann über viele Wochen schleichend immer weiter entwickelt, bis es tatsächlich zu sexuellen Übergriffen kommt“, erläutert Wais. Gleichzeitig werden die Kinder verbal durch das Einweihen in Erwachsenenbelange (z.B. Gespräch über eigene gescheiterte Ehe) oder auch das Erzählen von schmutzigen Witzen, die sie oft nicht verstehen, „befangen“ gemacht, was zur Folge hat, dass sie dieses „Geheimnis“ weder zuhause noch mit ihrer Peer Group teilen wollen.

Da das Kind die im Laufe der Zeit unangenehme oder eklige Erlebnisse nicht in Einklang bringen kann mit den ansonsten positiven Erfahrungen im Umgang mit der „Vertrauensperson“, findet eine Abspaltung der Missbrauchserfahrung und evtl. Abschiebung in die Traumwelt statt (Derealisation). So kommt es, dass im Erwachsenenalter weiterhin Zweifel bestehen bleiben, ob alles je stattgefunden habe oder nur Einbildung sei.

Den Tätern geht es dabei nicht primär um Sexualität, sondern um Manipulation des Opfers und seines Umfeldes. Der besondere Kick entsteht gerade erst dadurch, dass das Kind freiwillig das tut, was der Täter möchte, als sei es hypnotisiert, und aufgrund seines Vertrauensverhältnisses zu den Eltern kann auch keinerlei Verdacht aufkommen.

Deshalb ist die wichtigste Prävention auch aus der Sicht von Wais ein transparenter Umgang mit dem Kind. Dadurch, dass das Kind niemals das manipulative Verhalten eines Erwachsenen erlebe, sei es auch im Ernstfall fähig, ein solches Verhalten zu erkennen.
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