Neue Westfälische (Bielefeld): Tarifeinigung im Öffentlichen Dienst
Aus dem Lehrbuch
stefan schelp
ID: 1192723
Gehalt in diesem Jahr, weitere 2,3 Prozent mehr im kommenden Jahr -
das ist wohl das, was man einen kräftigen Schluck aus der Pulle
nennt. Noch besser: Angesichts der historisch niedrigen
Inflationsrate werden die Arbeitnehmer die Lohnerhöhung noch
deutlicher spüren als in vergangenen Jahren. Interessant ist auch,
dass von den Finanzministern der Länder die Ansage kommt, mit diesem
Abschluss könne man durchaus leben. Die einen bekommen mehr, die
anderen zahlen mehr und beklagen sich nicht. Das klingt, als wäre da
einiges im Vorfeld abgekaspert worden. Vielleicht liegt es auch
daran, dass Verdi-Chef Frank Bsirske und Länder-Verhandlungsführer
Jens Bullerjahn so gut miteinander können. Sei's drum. Ist also alles
gut? Nicht ganz. Denn die angestellten Lehrer ziehen ein weiteres Mal
den Kürzeren. Sie werden einmal mehr nicht ihren beamteten Kollegen
gleichgestellt - und sind entsprechend sauer. Kein Wunder, dass sie
das Tarifergebnis ablehnen und sich die Tür offenhalten für weitere
Streiks. Allerdings werden sie nicht viel bewirken können. Dafür gibt
es nach wie vor nicht angestellte Lehrer in ausreichender Zahl, zudem
fehtld ei Verdi-Unterstützung. Die Wirkung verpufft, zumal sie -
anders als Lokführer oder das Sicherheitspersonal an Flughäfen -
keinen wirkungsvollen Hebel in der Hand halten. Wenn angestellte
Lehrer streiken, steht die Welt eben nicht still. Schüler freuen sich
über ein paar Freistunden mehr, ein bisschen Unterrichtsstoff bleibt
liegen. Das war's auch schon. Die Folgen sind langfristiger. Sie
zeigen, dass den Gewerkschaftsfunktionären das Thema Bildung und eine
gerechte Bezahlung für diese Bildung nicht unmittelbar am Herzen
liegt. Das ist für unsere Gesellschaft kein gutes Signal. Es bleibt
die Erkenntnis, dass die Lehrer die breite Streikfront in Zeiten des
Tarifkonflikts auffüllen durften, dass ihre Trillerpfeifen und
Transparente sehr willkommen waren, um Verdi-Willen zu demonstrieren.
Den Lohn dafür bekommen sie nicht. Man mag das zynisch nennen.
Zumindest ist es ein Stück Machtpolitik, wie sie im Lehrbuch steht.
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Datum: 29.03.2015 - 20:40 Uhr
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