Schwäbische Zeitung: Deutschland braucht die USA - Leitartikel
ID: 1229775
Sünden- und Fehlerregister der USA. Unselige Kriegseinsätze inklusive
Kriegsverbrechen, Todesstrafe, Guantánamo, Umgang mit der schwarzen
Bevölkerungsminderheit, Abhörwut der NSA samt Bespitzelung
befreundeter Politiker und so weiter und so fort. Fazit: ein
schlimmes Land. 45 Prozent der Deutschen teilen diese Ansicht, so
viele wie noch nie. Nur noch die Hälfte hat ein positives
Amerika-Bild. Die Kritik an all den genannten Sünden, Fehlern,
Missständen ist berechtigt. Teilweise sind sie schändlich für die
USA. Dennoch ist der zunehmend salonfähige Antiamerikanismus ein
erstaunlicher Befund - und ein gefährlicher. Erstaunlich ist er, weil
das kollektive Gedächtnis der Deutschen offensichtlich immer größere
Lücken aufweist. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Deutschland
keinen verlässlicheren Partner als die USA. Der Wiederaufbau, der
schnell errungene Wohlstand, die Wiedervereinigung: Ohne die Hilfe
des großen Bruders jenseits des großen Teichs wäre all dies und
vieles mehr nicht möglich gewesen. Die Vereinigten Staaten waren die
entscheidende Schutzmacht innerhalb der Nato. Sie haben zu Zeiten des
Kalten Krieges den Westdeutschen ihre Freiheit garantiert. Und sie
sind heute die wichtigste Schutzmacht der osteuropäischen Staaten,
die sich von einem aggressiven Putin-Russland bedroht sehen. In
diesen Ländern steht das Ansehen der USA nicht zufällig hoch im Kurs.
Ein zunehmend amerikafeindliches Deutschland birgt aber auch die
Gefahr einer dauerhaften Entfremdung. Die wäre eher zum Schaden der
Deutschen. Weshalb sollten die USA weiter den Schulterschluss pflegen
mit einem als unsicher wahrgenommenen Kantonisten? Umgekehrt ist aber
das Gewicht der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik geradezu
abhängig von diesem Schulterschluss. Summa summarum: Deutschland ist
auf eine intakte transatlantische Partnerschaft angewiesen. Die
antiamerikanischen Ressentiments blenden diese schlichte Tatsache
aus. Sie sind irrational.
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Datum: 24.06.2015 - 20:21 Uhr
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