Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
Softwarepanne beim Finanzamt
Wie bei Raubrittern
Jürgen Langenkämper
ID: 1275763
einen Landsknecht oder bewaffneten Büttel schicken, um bei den Bauern
die Steuern einzutreiben - mal mehr, mal weniger. Manchmal blieb
gerade genug für die nächste Aussaat übrig. Im postmodernen Staat
macht das die Software. Die klopft nicht an, die droht nicht mit der
Folter, die nimmt gleich alles. Wenn ein Arbeitnehmer zum Ultimo
26,28 Euro überwiesen bekommt, dann reicht das nicht mal für die
Miete. Im Wohlfahrtsstaat des 21. Jahrhunderts gibt es dennoch Mittel
und Wege, warum niemand verhungern muss und doch zu seinem Recht
kommt. Aber zum Fürchten ist das Szenario trotzdem. Denn nicht jeder
hat mal eben ein-, zweitausend Euro übrig, um einen Monat
durchzustehen, bis die Finanzverwaltung ihre Fehler ausgebügelt hat.
Niemand sitzt im Kettenhemd in den Amtsstuben und ist bis an die
Zähne bewaffnet. Dennoch dürften sich die betroffenen
Steuerpflichtigen, die gegen ihren Willen und ungefragt in eine
ungünstige Steuerklasse hineingezwängt wurden, für eine Weile auf die
Folter gespannt fühlen, bis der Fehler rückgängig gemacht ist und sie
wieder flüssig sind. Ein Trauerspiel ist das Krisenmanagement der
oberen Etagen der Finanzverwaltung bis hinauf ins Ministerium. Kein
Wort der Aufklärung, keine groß angelegte Öffentlichkeitsarbeit. Wie
soll da das nötige Vertrauen in bargeldlose Zeiten erwachsen? Und wer
garantiert, dass sich die Softwarepanne, die schon im Juli und jetzt
im September zuschlug, nicht noch einmal wiederholt? Etwa beim
Weihnachtsgeld im November. Reiten dann wieder virtuelle Raubritter
über das Gehaltskonto?
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Datum: 14.10.2015 - 20:30 Uhr
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