Börsen-Zeitung: Volatilität voraus, Marktkommentar von Stefan Schaaf
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Scherzbolde, die meinen, man müsse immer einen Schnaps trinken, wenn
ein Stratege in diesen Tagen die Phrase "anhaltende Volatilität" in
den Mund nimmt. Man kann davon nur dringend abraten, es besteht
andernfalls im kommenden Jahr akute Gesundheitsgefahr. Das lässt sich
unter anderem aus den Prognosen vieler Banken für die Aktienmärkte
ablesen. Eine Dax-Spanne von 9000 bis 12500 Punkten wird darin als
möglich erachtet, was gleichbedeutend mit anhaltend hoher Volatilität
ist. Gleiches gilt für den Devisenmarkt, der wohl kaum einen so
klaren Trend wie in diesem Jahr aufweisen wird, als der
Euro-Dollar-Kurs fast kontinuierlich fiel.
Einen Vorgeschmack auf das vor den Anlegern liegende Jahr der
Volatilität lieferten in der zu Ende gegangenen Handelswoche die
Marktreaktionen rund um die Europäische Zentralbank (EZB). Die von
einer offenbar versehentlich veröffentlichten Falschmeldung der
"Financial Times" ohnehin in Nervosität versetzten Märkte reagierten
wie ein verwöhntes Kind, dem der Berg an Weihnachtsgeschenken nicht
genügt, weil es sich insgeheim auf einen zweiten Berg eingestellt
hatte. Dabei lieferte die EZB unter Präsident Mario Draghi eine
weitere deutliche Lockerung der Geldpolitik ab, die in der
Vergangenheit für eine Euro-Abwertung und eine Rally der Aktienmärkte
ausgereicht hätte. Doch wegen vollkommen überzogener Erwartungen -
auch geschürt durch die Notenbank-Kommunikation selbst - geschah
genau das Gegenteil. Das "verwöhnte Kind" Kapitalmarkt stampfte
beleidigt kräftig mit dem Fuß auf, die Folgen waren eine
Euro-Aufwertung um gut 3 US-Cent binnen kürzester Zeit und ein
Kursrutsch an den europäischen Aktienmärkten. Draghi habe das erste
Mal die Erwartungen verfehlt, hieß es am Aktienmarkt, nachdem die
Scherben zusammengekehrt waren.
Zwischenhoch
In der Spitze wurden am vergangenen Donnerstag 1,0980 Dollar für
einen Euro gezahlt. Damit holte der Euro die Verluste wieder auf, die
er seit Anfang November und damit dem Start einer verschärften
Lockerungsrhetorik der EZB eingefahren hatte. Wobei bei aktuellen
Kursen um 1,09 Dollar je Euro für die Gemeinschaftswährung noch immer
eine zehnprozentige Abwertung zum Greenback im laufenden Jahr zu
Buche steht. Und dieser Trend wird sich auch noch eine Zeit lang
fortsetzen, wenngleich nicht mehr in dem Tempo wie in den vergangenen
Monaten. Dafür spricht auch die wachsende Zinsdifferenz. Insofern war
das Tageshoch von Donnerstag wohl nur ein Zwischenhoch in einer
längerlaufenden Euro-Abwertung, die Anfang 2016 in Richtung der
Parität führen könnte.
Der Grund hierfür liegt einerseits bei der EZB selbst, die sich am
Donnerstag Spielraum für eine weitere Lockerung gelassen hat. Sie
könnte den Einlagesatz weiter senken oder die monatlichen
Anleihekäufe von derzeit 60 Mrd. Euro ausweiten.
Hohe Erwartungen
Der Hauptgrund für die Aussicht auf die Euro-Dollar-Parität liegt
jedoch in den USA, wo die Zeichen auf steigende Leitzinsen stehen.
Bekräftigt wurde diese Erwartung zum Wochenschluss vom
Arbeitsmarktbericht für November. Die offizielle Zahl neuer Stellen
lag mit 211000 um 11000 über dem Konsens, und der Oktober lief sogar
noch besser als bislang gedacht. Entscheidend ist aus Sicht von
Volkswirten jedoch, dass ein größerer Anteil US-Amerikaner sich am
Arbeitsmarkt beteiligt, ohne dass die Arbeitslosenquote stieg. Sie
verharrte bei 5%. Damit stiegen zugleich die Erwartungen an die
Federal Reserve. "Bereit zur Zinswende", hieß es etwa bei BNY Mellon
in einer ersten Reaktion. Der Swapmarkt preist laut Bloomberg-Daten
die Wahrscheinlichkeit einer US-Zinserhöhung in diesem Monat nun mit
78% ein. Doch die EZB zeigt: Wo die Erwartungen hoch sind, da droht
auch große Enttäuschung. Sollte die Fed am 16. Dezember nicht
liefern, drohen dem Markt erneut starke Verwerfungen. Volatilität
voraus!
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Datum: 04.12.2015 - 20:50 Uhr
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