Westfalenpost: Julia Emmrich zur Lohnlücke zwischen Männer und Frauen:
Eine Lösung bis ins kleinste Detail ist nicht möglich
ID: 1327906
Nachbarschaft an. Wie viele Frauen gibt es dort, die mehr verdienen
als ihre Männer? Oder schauen Sie sich die Leute in Ihrem Viertel an:
Wie viele Männer arbeiten an der Kasse im Supermarkt, in der Kita
oder in der Altenpflege? Man braucht keine Statistik, um ein Gefühl
für die Lohnlücke zu bekommen, die in Deutschland zwischen Frauen und
Männern klafft. Der Reflex ist klar: arme, benachteiligte Frauen!
Gemeine Männerwelt! Doch das trifft die Sache nicht. Frauen und
Männer müssen gleich bezahlt werden, wenn sie das Gleiche leisten.
Das ist das eine. Das andere ist: Die wenigsten Frauen sind
schutzlose Opfer der Verhältnisse oder ihrer Erziehung. Die meisten
treffen in ihrem Leben Entscheidungen, die dazu führen, dass viele
weniger verdienen als sie verdienen könnten. Doch es gibt auch die
anderen. Sie machen Abitur, studieren, starten im Job, finden einen
Mann, wollen Kinder und glauben an alle Vereinbarkeitsversprechen.
Und sehen auf einmal: Es funktioniert nicht. Weil der Chef nicht
mitspielt. Weil ein Kind Eltern braucht und keine doppelten
Vollzeitarbeiter. Was heißt das nun aber für die deutsche Lohnlücke?
Ist sie in Stein gemeißelt? Nein. Die Regierung kann Druck ausüben,
Ausbeutung und vorsätzliche Diskriminierung bekämpfen. Sie kann
Bewegung ins Tarifgefüge bringen und für höhere Gehälter in typischen
Frauenberufen werben. Aber: Um die Lücke vollständig zu schließen,
müsste die Regierung bis ins Kleinste in die Personalpolitik der
Unternehmen hineinregieren, die Berufsbiografien von Frauen
umschreiben und die Rollendynamik der Paare zielgerichtet steuern. Am
Ende kämen dabei gleiche Löhne heraus - aber auch ein bevormundender
Staat.
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Datum: 01.03.2016 - 22:32 Uhr
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