Börsen-Zeitung: Geldpolitische Despotie, Kommentar zur EZB von Bernd Wittkowski

Börsen-Zeitung: Geldpolitische Despotie, Kommentar zur EZB von Bernd Wittkowski

ID: 1337829
(ots) - Liebe Leserinnen und Leser, halten Sie sich in
nächster Zeit im Freien auf, es könnte sich lohnen! Gut möglich, dass
ein Hubschrauber über Sie hinwegfliegt, in dem EZB-Präsident Mario
Draghi am Steuerknüppel sitzt und "ein sehr interessantes Konzept"
realisiert. Ja, Sie trauen Ihren Augen nicht, aber es regnet
tatsächlich Banknoten, kleine und große, sogar jede Menge
500-Euro-Scheine - wie gut, dass man die in weiser Voraussicht noch
nicht abgeschafft hat. Ist doch gerade der große Lilafarbene prima
als Helikoptergeld geeignet.

Befinden wir uns noch in der Realität oder schon in der Satire?
Vermutlich ist es wie vieles, womit uns die EZB seit Jahren beglückt,
real existierender Surrealismus. Ganz im Ernst müssen wir
konzedieren, die sogenannten Hüter des Euro unterschätzt zu haben.
Schon häufig hatten wir glauben wollen, die europäische
"Zentralbankverwaltungswirtschaft", wie sie der Metzler-Bankier
Michael Klaus bereits 2014 nannte, habe ihr ultimatives Stadium
erreicht. Weit gefehlt! Draghi & Co. fällt immer noch ein Komparativ
des Superlativs ein. Und sei es eine Steigerung ins Irrwitzige.

Dabei kennt die EZB auf ihrer unermüdlichen Jagd nach dem
Deflationsgespenst durchaus eine Konstante: den Tabubruch. Diesmal
ist es - noch als "sehr interessantes Konzept", in nicht zu ferner
Zukunft gewiss als letzter Schrei der unkonventionellen Geldpolitik -
das Verschenken von Geld. Ökonomen finden Gefallen an dem Instrument,
der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke ("Helicopter Ben") hat
damit geliebäugelt, und Helikopter-Mario, da sind wir ziemlich
sicher, wird es einsetzen.

Kai Ostermann, der Chef der Deutschen Leasing, hat dieser Tage
richtigerweise angemerkt, für solche Ideen wären Studenten früher
zwangsexmatrikuliert worden. Wir würden noch etwas weiter gehen:


Schon dass über diese nächste Eskalationsstufe der Geldentwertung
allen Ernstes diskutiert wird, ist kriminell. Längst ist der Euro
wertlos, nämlich in dem Sinn, dass er mit der faktischen Abschaffung
des Zinses und von dessen Steuerungsfunktion keinen Preis mehr hat.
Schlag nach bei Albert Einstein: Was nichts kostet, ist nichts wert.
Inzwischen sind wir nun sogar so weit, dass diejenigen, die Geld in
seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel verwenden, bestraft
werden, nicht mehr nur real, sondern oft bereits auch mit nominalen
Negativzinsen. Eine Notenbank, die zu allem Überfluss sinnbildlich
noch Geld aus dem Helikopter aufs Volk wirft, hütet ihre Währung
nicht, sondern verachtet sie und tut ihr Gewalt an. Das ist nicht nur
komplett krank. Das ist geldpolitische Despotie.



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