Lausitzer Rundschau: Erfolgreich unzufrieden
Hohe Tarifabschlüsse und gute Wirtschaftsdaten
ID: 1356818
Mangel. Die fast vier Millionen Beschäftigten in der Metall- und
Elektroindustrie können sich über ein sattes Lohnplus von 4,8 Prozent
freuen. Ähnlich hoch fällt der schon vorher ausgehandelte
Tarifabschluss für zwei Millionen öffentlich Bedienstete aus. Auch
den 20 Millionen Rentnern winkt ein historischer Zuwachs bei den
Altersbezügen. Und da geht noch mehr. Überraschend stark, nämlich um
0,7 Prozent, hat das deutsche Bruttosozialprodukt im ersten Quartal
zugelegt - weit über EU-Durchschnitt. Es gibt Beschäftigungsrekorde.
Trotzdem hängt eine bleierne Schwere über dem Land, ist die
Unzufriedenheit mit Händen zu greifen. Warum eigentlich? Zum einen,
weil der persönliche Wohlstand zerbrechlicher geworden ist. Wer zum
Beispiel im fortgeschrittenen Alter arbeitslos wird, hat kaum
Chancen, wieder einen ordentlichen Job zu finden. Und die Chiffre
Hartz IV wirkt wie eine düstere Prophezeiung. Selbst für jene, die
damit nie in Berührung kommen dürften. Aber die Verunsicherung ist
da. Und sie erzeugt Ängste. Mit diesen Ängsten, das ist die andere
Seite der Erklärung, wird politisch gespielt. Je komplizierter die
Welt wird, desto mehr sehnen sich viele Menschen nach einfachen
Lösungen. Je mehr Informationen auf sie einprasseln, umso weniger
können viele damit umgehen. Das machen sich Rechtspopulisten zunutze.
Und etablierte Parteien in ihrer Ratlosigkeit spielen das Spiel auch
noch mit. Der Sozialstaat sei gar keiner mehr. So lautet eine der
Thesen, die Links wie Rechts derzeit propagieren. Das wäre Anfang der
2000er-Jahre zutreffender gewesen. Damals gab es in Deutschland fünf
Millionen Arbeitslose und immer klammere Sozialkassen. Dass sich die
Lage wieder zum Besseren wendete, verdankt sich zum großen Teil genau
jenen rot-grünen Agenda-Reformen, bei denen die SPD trotzdem noch das
schlechte Gewissen plagt. Um es zu beruhigen, wird zum Beispiel eine
Debatte über Altersarmut vom Zaun gebrochen, die mit der Wirklichkeit
nichts zu tun hat. Auch manche Medien spielen eine unrühmliche Rolle.
So hat der WDR kürzlich "vorgerechnet", dass 2030 fast jedem zweiten
Bundesbürger Altersarmut droht, dabei aber einfach die Löhne der
heutigen Azubis fortgeschrieben und Haushaltseinkommen mit
individuellen Einkommen verwechselt. Dennoch wurde der Unsinn zum
Beleg für schlimmstes Rentnerelend. Auch Wissenschaftler sind vor
Irrtümern nicht gefeit. Das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung immerhin hat seine zuletzt ebenfalls viel
beachtete Studie über das Schrumpfen der Mittelschicht im Nachhinein
offiziell korrigiert. Die neuen Zahlen sind weit weniger dramatisch
als die alten. Das passt zum Gesamteindruck: Ein halbes Glas Wasser
kann man zwar als halb voll oder halb leer betrachten. Aber wohl nur
die Deutschen sind dazu fähig, über ein fast volles Glas zu
lamentieren.
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Datum: 13.05.2016 - 20:59 Uhr
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