Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
Deutsch-Türken vor der Kundgebung in Köln
Weder Erdogan noch Gülen
Florian Pfitzner, Düsseldorf
ID: 1385036
Tagen in Galgenhumor. Kurz nachdem der Fußballer Bastian
Schweinsteiger seinen Austritt aus der Nationalmannschaft erklärt
hat, meldete sich ein Freund, Eltern aus Anatolien. Schweinsteiger
sei nun endgültig reif für einen Wechsel in die Türkei, sagte er zu
mir. Gerne zu Fenerbahçe Istanbul - schöne Stadt, kaum Steuern.
Außerdem könne Schweinsteiger bei der Gelegenheit gleich erklären,
was es heißt, zu einem guten Zeitpunkt zurückzutreten. Natürlich
spielte da jemand auf den Präsidenten in Ankara an. In den Augen
vieler Deutsch-Türken ist Recep Tayyip Erdogans Amtsniederlegung
schon lange fällig, zu häufig hat er seine Macht für üble Zwecke
eingesetzt. Erdogan ist für sie zu einer lächerlichen Schurkenfigur
geworden, die man kaum noch ernst nehmen kann. Auf der anderen Seite
gibt es diejenigen, die Erdogan die Treue halten, ihn cooler finden
als deutsche Politiker. Sie feiern ihn vor allem für einen
Wirtschaftsaufschwung, der schon eine Weile zurückliegt. Sie stören
sich nach dem gescheiterten Putsch nicht an Termini wie "Säuberung"
und einer möglichen Wiedereinführung der Todesstrafe. Vor dem
Hintergrund hört man derzeit häufig von einem "tiefen Riss", der
durch die "türkische Gemeinschaft" in Deutschland gehe. Man sei
gespalten, heißt es, in pro und kontra Erdogan. Ist das wirklich so?
Selten wird dagegen gefragt, ob es jene enge Verbundenheit unter den
Deutsch-Türken je gegeben hat und wie viele von ihnen sich überhaupt
für türkische Innenpolitik erwärmen können. Es liegt im Kalkül der
türkischen Regierungspartei AKP, sich von "bösen Mächten"
abzugrenzen, alles nach "Freund und Feind" auszurichten. Davon darf
man sich nicht hinter die Fichte führen lassen, schon gar nicht in
Europa. Der Veranstalter der Kundgebung in Köln erwartet an diesem
Wochenende 30.000 Teilnehmer - eine enorme Zahl. Insgesamt leben in
Deutschland ungefähr drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln,
1,4 Millionen allein in NRW. Viele arbeiten hart, sie engagieren sich
in Vereinen, stehen für gesellschaftliche Errungenschaften ein. Und
sie sind ganz unterschiedlich geprägt - kulturell, religiös,
politisch. Häufig fühlen sie sich weder dem Lager Erdogans noch dem
des Exilpredigers Fethullah Gülen zugehörig, sondern einzig dem Land,
in dem sie geboren und aufgewachsen sind.
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Datum: 29.07.2016 - 20:30 Uhr
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