Westfalen-Blatt: zum Erdbeben in Italien
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Menschen zu Tode kommen, ist die Anteilnahme in Deutschland besonders
groß. Denn das beliebte Urlaubsziel weckt in jeder Hinsicht
Emotionen. In diesen Tagen sind die Gefühle Mitleid und Trauer. Das
Land mit dem größten Weltkulturerbe (47 Stätten) befindet sich
geologisch in prekärer Lage. Das ist nicht neu und reicht weit
zurück. Im Jahr 1688 starben in der Region Kampanien etwa 10 000
Menschen bei einem Beben, 1783 waren es 29 000 in Kalabrien und 1908
gar 60 000 nach einem Erdstoß im Süden der Apennin-Halbinsel. Dass
die Anzahl der Opfer im Laufe der Jahrzehnte deutlich gesunken ist,
kann kein Trost sein. Nach den 309 Toten von L'Aquila im Jahr 2009 -
nur 45 Kilometer vom aktuellen Beben entfernt - hätte man, von
nördlich der Alpen betrachtet, nicht noch einmal mit so vielen Opfern
eines Erdstoßes gerechnet. Doch es ist leicht, vom vor Erdbeben
relativ ungefährdeten Deutschland aus mit dem Finger auf Italien zu
zeigen: schleppende Bürokratie, blühende Korruption, schlechte
Bauqualität. Das mag alles stimmen, aber mit Zeigefingern und
Vorurteilen wird man der Gefährdung und den Menschen nicht gerecht.
24 Millionen Italiener (Gesamteinwohnerzahl: 60 Millionen) wohnen in
Gebieten, die von Erdbeben bedroht sind. Die wenigsten Leute können
sich die Umrüstung ihrer Häuser leisten. Bei vielen alten Gebäuden in
mittelalterlichen Ortskernen, durch die Touristen so gerne
schlendern, ist das auch gar nicht möglich. Und der hochverschuldete
Staat hat keine Mittel, um Milliardenprogramme aufzulegen. Deswegen
klingen die vielen jetzt geäußerten Forderungen wohlfeil. Dass sich
etwas ändern muss, steht außer Frage. Aber es wird sich eben nicht so
viel ändern können. Als vor sieben Jahren in L'Aquila auch viele
Neubauten einstürzten, kam heraus, dass die Häuser nicht nach den
Erdbebenstandards errichtet worden waren. Hier gilt es zuerst
anzusetzen und für mehr Kontrolle zu sorgen. Italien ist ein Land,
das sich bei Katastrophen auf einen engen gesellschaftlichen
Zusammenhalt verlassen kann. Diese Solidarität darf aber nicht die
vorhergehenden Versäumnisse sozialromantisch überdecken. Für Matteo
Renzi ist die Krise eine weitere Bewährungsprobe. Die Banken liegen
am Boden, die Wirtschaft lahmt - und dazu liefert ein Erdbeben
symbolisch aufgeladene Bilder vom Zusammenbruch. Natürlich ist der
Ministerpräsident gestern nicht nach Paris zum Treffen der
Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) gereist. Renzi weiß, dass
er in seinem Land bleiben muss. Und er weiß auch, dass er mit dem
Erdbeben nicht so plump umgehen darf wie 2009 sein Vorvorgänger
Silvio Berlusconi. Politiker können in Katastrophenfällen viel falsch
machen - aber auch viel richtig.
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Datum: 25.08.2016 - 21:00 Uhr
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