Rheinische Post: Kommentar /
Das Fest der Liebe
= Von Michael Bröcker
ID: 1439530
empfinden, aber irgendwie empfanden Viele dies gestern als frohe
Botschaft. Der Mörder von Berlin, der Islamist, der zwölf Menschen
kurz vorm Weihnachtsfest aus ihren Familien riss, wurde von
Polizisten erschossen. Ein fröhliches und unbeschwertes
Weihnachtsfest mag sich natürlich trotzdem nicht einstellen. Das
Gefühl, dass "Gefährder" ungefährdet durch Europa reisen, ihren
Terror planen und umsetzen können, befremdet. Der wehrhafte Staat
mutiert zum lachhaften Gebilde. So geht das Jahr, in dem Tod und
Terror, Krisen und Konflikte, ohnehin viel zu präsent waren, mit dem
Wissen zu Ende, dass der Terror endgültig vor der Haustür angekommen
ist. Das Jahr war ein harter Test für die liberalen Demokratien. Vom
Elend der Flüchtlinge über den Aufstieg der Hassbewegten bis zur
mörderischen Bilanz der Dschihad-Fanatiker: Brüssel, Paris, Nizza,
Würzburg, Berlin. Menschlichkeit scheint nur noch eine untergeordnete
Kategorie des zivilen Miteinanders zu sein. Der feindselige Ton des
"sozialen" Netzes schwappt über in die geschützten Räume der
Gesellschaft: die Kneipe, die Kantine, der Küchentisch. Es wird
gefaucht und gestritten. Links oder rechts. Für oder gegen
Flüchtlinge. "Überfremdung" und "Merkelmussweg" gegen "Refugees still
welcome". Realist oder naiver Gutmensch? Deutschlands Gesellschaft
steckt im Gesinnungs-Tunnel. Kein Entkommen. Es geht nur vorwärts in
der eigenen Spur. Schwarz oder Weiß. Grautöne vergeblich gesucht. Wie
kommen wir da nur wieder raus? Die christliche Weihnachtsbotschaft
könnte helfen. Sie besagt ja, dass man nicht aufgeben sollte, sich
für eine friedvolle Welt einzusetzen. Zuwendung, Liebe, Zeit
füreinander. "Wo das geschieht, wird das Wunder der Weihnacht real",
sagt der Kölner Kardinal Woelki. Die Weihnachtsbotschaft ist eine der
Versöhnung. Gott wurde Mensch, um die Menschen mit sich selbst zu
versöhnen, heißt es in den Korinther-Briefen. Nächstenliebe als
Rezept gegen das Radikale. Mehr Liebe wagen! Das klingt schon wieder
verdächtig nach 68er-Gutmenschentum. Aber das ist es ja auch: gut.
Versuchen wir es im Kleinen, im Konkreten. Im Alltag. Versuchen wir
Misstrauen zu unterdrücken, Ängste einzuhegen. Gönnen wir nicht nur
unserer Familie in diesen Tagen ein Lächeln, nette Worte. Versuchen
wir es draußen: im Büro, im Taxi, im City-Gedränge oder an der
Haltestelle. Gegenüber dem Nachbarn und gegenüber dem Neuling im
Stadtteil. Die Angst vor Fremden lässt sich durch Nähe bekämpfen. Das
erfordert Mut. Versuchen wir es.
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Datum: 23.12.2016 - 20:32 Uhr
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