Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
Hilfe für Rückkehrer
Alternative zur Abschiebung
Marina Kormbaki, Berlin
ID: 1440062
ändert auch die Zahl von 54.000 staatlich geförderten Rückreisen
abgelehnter oder ausreisewilliger Asylbewerber nichts. Die Zahl wurde
von Politik und Öffentlichkeit mit einiger Verwunderung aufgenommen,
was wiederum verwunderlich ist. Denn weder ist sie angesichts des
Zuzugs von Asylbewerbern besonders hoch. Noch vermag ihre
Zusammensetzung zu überraschen: Die meisten Rückreisen führten in die
nahegelegenen Länder des Westbalkans und in eine zwar kriselnde, aber
vergleichsweise friedliche Region, aus der sich Zehntausende auf den
Weg nach Deutschland machten. So dürfte das Erstaunen über die Zahl
von 54.000 Rückkehrwilligen, deren Antrag auf Unterstützung 2016
bewilligt wurde, vor allem damit zu tun haben, dass es so etwas
überhaupt gibt: eine freiwillige Rückkehr. Die Asyldebatte hatte
zuletzt ja den Eindruck vermittelt, es gebe nur eine Art des Umgang
mit ausreisepflichtigen Menschen - und zwar die erzwungene
Abschiebung. Je mehr Abschiebungen, desto besser, so der Tenor. Die
Meldung über freiwillige Rückkehrer ruft in Erinnerung, dass es auch
unkompliziertere, humanere und nachhaltigere Möglichkeiten zur
Ausreise für Menschen gibt, die nicht hier bleiben dürfen. Es ist
aber nicht damit getan, Menschen ein Flugticket zu kaufen, ihnen ein
paar Hundert Euro in die Hand zu drücken und auf ein
Nimmerwiedersehen zu hoffen. Diese Hoffnung kann sich vor allem dann
als illusorisch erweisen, wenn der Herkunftsstaat in geografischer
Nachbarschaft liegt. Der finanzielle Anreiz zur Ausreise kann auch
Anreiz zur Wiedereinreise sein. Deswegen wurde schon die
Rückkehr-Förderung für Menschen vom Westbalkan stark gekürzt.
Stattdessen etabliert sich auf dem Westbalkan allmählich eine
nicht-materielle, viel wichtigere Starthilfe: Hilfsorganisationen vor
Ort unterstützen die Rückkehrer bei der Suche nach Wohnung,
Arbeitsplatz und Schule für die Kinder. Diese Vor-Ort-Hilfe muss die
Bundesregierung bei der geplanten Neugestaltung der Anreizprogramme
stärker berücksichtigen. Programme zur freiwilligen Rückkehr können
nur dann nachhaltig sein, wenn die Rückkehrer daheim
zufriedenstellende Lebensbedingungen vorfinden. Fluchtursachen müssen
vor Ort bekämpft werden - dieser Satz ist zur Floskel geworden, wahr
bleibt er trotzdem.
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Datum: 28.12.2016 - 20:30 Uhr
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