Neue Westfälische (Bielefeld): Lebensmittelausgabestellen an der Belastungsgrenze Traurige Entwickl

Neue Westfälische (Bielefeld): Lebensmittelausgabestellen an der Belastungsgrenze
Traurige Entwicklung
Stefan Boes

ID: 1441710
(ots) - Dass ein wachsender Teil unserer Gesellschaft
Tafeln aufsuchen muss, weil viele sich teure Lebensmittel nicht mehr
leisten können, ist eine Entwicklung, die nach dem starken
Migrationsschub der vergangenen Jahre zu erwarten war. Doch das ist
nicht der einzige Grund für den Andrang. Zwar lässt sich an den
Ausgabestellen gut ablesen, dass viele Menschen, die im Zuge der
Fluchtmigration nach Deutschland gekommen sind, (noch) chancenlos auf
dem deutschen Arbeitsmarkt sind und folglich Gebrauch von den
Einrichtungen machen. Doch auch Studenten, Geringverdiener und
Senioren, deren Rente nicht ausreicht, sind zunehmend auf die
günstigen Lebensmittel und Mittagstische angewiesen, die sie bei den
Lebensmittelrettern der Tafeln kostenlos oder für einen kleinen Preis
erhalten. Man muss die Ausgabestellen dafür loben. Nur dank des
Einsatzes von Ehrenamtlichen können bedürftige Menschen von der Tafel
profitieren und werden riesige Mengen Lebensmittel vor der Tonne
bewahrt. Auch wenn weite Teile der Gesellschaft einen großen Bogen um
diese Orte machen: Die Tafeln erfüllen eine wichtige
gesellschaftliche Aufgabe, entschärfen großen sozialen Zündstoff. Die
Tafeln und Tische geben Menschen einen sozialen Raum, eine
Begegnungsstätte, Struktur, manchmal Arbeit. Hier sind sie für einen
Moment alle gleich und nicht die Menschen zweiter Klasse, zu denen
unsere Gesellschaft sie macht. Und dies ist der entscheidende Punkt.
So positiv die Arbeit der Ausgabestellen ist: Eigentlich sollte es
sie gar nicht geben. Die Tafeln werfen ein Schlaglicht auf die
Missstände unseres Sozialstaates. In den vergangenen Jahren hat eine
wachsende Gruppe von Menschen den Anschluss an den Mainstream unserer
Gesellschaft verloren. Diese Gesellschaft akzeptiert, dass sich am
unteren Ende eine Gruppe von Ausgeschlossenen festgesetzt hat, die
nicht nur auf den Bio-Wirsing aus dem Supermarkt verzichten muss,


sondern auch auf die Ressourcen und Lebenschancen, die in diesem Land
zählen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen, die nichts
produzieren, nichts konsumieren, die wenig Macht, Bildung, Geld und
Prestige haben, als ungleichwertige, gar als überflüssige Menschen
betrachtet werden, als Belastung für die Sozialkassen. Das ist eine
traurige Entwicklung für eine Gesellschaft, deren soziale Spaltung
nicht nur droht, sondern längst Realität ist. Die Politik bleibt
Antworten darauf schuldig, wie sie die Abgehängten zurück in die
Gesellschaft holen und ihnen ein Leben in Würde ermöglichen will.
Dazu muss sie endlich Armut bekämpfen statt verwalten.



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Datum: 05.01.2017 - 20:30 Uhr
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