Aachener Nachrichten: Ende der Lethargie - Mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz steigen die Chancen der SPD. Ein Kommentar von Joachim Zinsen
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Dieses Mal sogar positiv. Fast alle politischen Beobachter tippten
in den vergangenen Wochen auf Sigmar Gabriel als sozialdemokratischen
Kanzlerkandidaten. Jetzt lässt der scheidende SPD-Parteichef seinem
(persönlichen) Freund Martin Schulz den Vortritt. Dafür gebührt ihm
Respekt. Seiner Partei hat er damit einen großen Dienst erwiesen.
Gabriel als Spitzenkandidat wäre für die SPD in schweren Zeiten eine
zusätzliche Belastung gewesen. Seine persönlichen Beliebtheitswerte
sind seit geraumer Zeit im Keller. Bei vielen Wählern, aber auch bei
nicht wenigen Parteifreunden haftet ihm das Image an, er sei zu
beliebig, zu sprunghaft, zu wenig glaubwürdig. Die Beschreibung mag
in Teilen unfair sein. Aber Gabriel weiß als Politprofi genau: Aus
dieser Klischee-Kiste wäre er gerade in Wahlkampfzeiten kaum mehr
entkommen. Im Berliner Polit-Zirkus hatte man ihm längst die Rolle
des Verlierers zugewiesen. Mit solchen Negativ-Zuschreibungen muss
Martin Schulz vorerst nicht kämpfen. Er geht unbelastet in den
Wahlkampf, ist bundespolitisch unverbraucht und deutlich populärer
als Gabriel. Mit ihm hat die SPD tatsächlich eine Chance, in den
kommenden Monaten aus ihrem Dauertief herauszufinden. Zumal der
Würselener ein begnadeter Wahlkämpfer ist. Schulz gilt als Rampensau,
als politisches Trüffelschwein mit einer sehr guten Nase für
Gewinner-Themen. Er weiß zuzuspitzen, zu polarisieren und die Sprache
der einfachen Leute zu sprechen. Rhetorisch ist er seiner
christdemokratischen Gegnerin Angela Merkel deutlich überlegen. Das
alles ist wichtig für eine erfolgreiche Wahlkampagne. Doch noch
wichtiger ist: Schulz muss es nun gelingen, die sozialdemokratische
Basis aus der Lethargie der vergangenen Monate zu reißen. Ohne sie
kann er nicht gewinnen. Und: Er muss mit den deutschen Medien
klarkommen. Bisher hat Schulz in Brüssel auf einem Feld gespielt, das
in der öffentlichen Aufmerksamkeit eher am Rande lag. Jetzt steht er
plötzlich im Zentrum des Interesses. Schulz wird sich äußern müssen
zu Themen, die bisher nicht die seinen waren - beispielsweise die
Rentenpolitik, die Steuerpolitik oder Fragen der Inneren Sicherheit.
Er wird sagen müssen, wie er zu Rot-Rot-Grün steht, was er von der
FDP hält und ob es zur Not wieder eine Koalition mit der Union sein
darf. Das alles birgt für ihn Gefahren. Gerade die in großen Teilen
Merkel-nahe Hauptstadtpresse wird sich auf die Schwachstellen von
Schulz stürzen, wird ihm im Wahlkampf mögliche Widersprüche und
Ungenauigkeiten gnadenlos vorhalten. Schulz bewegt sich von nun an
auf einem deutlich glatteren Parkett. Er muss noch beweisen, dass er
darauf tatsächlich sturzfrei zu tanzen weiß. Gelingt ihm das, kann
er Merkel und der Union gefährlich werden.
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Datum: 24.01.2017 - 19:25 Uhr
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