Patiententötung: "Mitleid als Motiv scheidet aus"
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Der wegen des Verdachts auf 29-fache Patiententötung derzeit inhaftierte Pfleger Stephan L. aus Sonthofen hat als zentrales Tatmotiv "Mitleid" angegeben. "Er habe schwerstkranken Patienten sinnloses weiteres Leiden ersparen wollen, da keine Aussicht auf Besserung bestanden habe,” sagte der für den Fall zustände Oberstaatsanwalt.
Ein Motiv, das Prof. Dr. Beine, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am Marien-Hospital in Hamm nicht gelten lässt. Beine hat als erster Wissenschaftler weltweit insgesamt 20 Fälle von Serientötungen an Patienten in Krankenhäusern und Heimen der letzten Jahrzehnte erfasst und ausgewertet. Mitleid mit leidenden Patienten als Tötungsmotiv, auf das sich Täter immer wieder berufen, scheidet für Beine aus: "Die getöteten Patienten befanden sich nur selten in ihrer Sterbephase", erklärt der renommierte Psychiater. Das Mitleidsmotiv erklärt er aus einer anderen Perspektive - mit der Unfähigkeit der Täter, Leidenszustände aushalten zu können. Es handelt sich - so Beine - eher Selbstmitleid als um wirkliche Anteilnahme am Leiden von kranken Menschen. Bemerkenswert sei auch die mit bis zu fünf Jahren oft vergleichsweise lange Latenzzeit zwischen der ersten Tötung und der Entdeckung des Täters - wie offenbar jetzt auch in Sonthofen und in Luzern, wo der Krankenpfleger Roger A. am 21.01.2005 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er hatte 22 Patienten ermordet.
Beine kommt nach eingehenden Recherchen zu anderen Schlüssen und entwickelt eine detaillierte Täterpsychologie: Entgegen der landläufigen Annahme, vor allem Frauen seien die Täter, ermittelt Beine, dass es sich vor allem um Männer handelt. Charakterlich werden sie als überwiegend "selbstunsicher" beschrieben. Auffällig ist, dass sie häufig "unverordnete Medikamente verabreichen". In ihren Arbeitsfeldern sind sie konfrontiert mit langen und unaufgelösten Konflikten.
Seine Ergebnisse lassen Rückschlüsse darüber zu, wie in Zukunft solche Verbrechen vielleicht verhindert werden können. Dabei wird vor allem eines klar: Die in der Öffentlichkeit nach solchen Verbrechen regelmässig vorgenommene Einordnung der Täter als Todesengel, Hexen, Monster gehen ebenso an der Realität vorbei wie die oft vorschnell genannten Tötungsmotive aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen oder unkritischer Loyalität zu Mitarbeitern.
Was hilft, sei eine Arbeitsatmosphäre, in der das klinische Personal auch "über seine aggressiven Fantasien offen reden kann." Eine solche Kultur der offenen Aussprache sei in Kranken- und Pflegeeinrichtungen bisher jedoch kaum zu erkennen. "Wir sehen uns selbst als gute Menschen und wenn wir aggressiv reagieren, reden wir nicht darüber", erklärt Beine das Phänomen. Auf jeden Fall sollte man hellhörig werden, wenn man bei Kollegen eine "zynische Erstarrung" gegenüber ihrem Beruf erkenne.
Referenz: Karl H. Beine: Homicides of patients in hospitals and nursing homes: a comparative analysis of case series. In: International Journal of Law and Psychiatry 26 (2003) 373-386
Weitere Infos: St. Marien-Hospital, Prof. Dr. Beine, Tel.: 02381/1825-25 /-26 | karl-h.beine@marienhospital-hamm.de
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Datum: 03.02.2005 - 15:33 Uhr
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