NOZ: Spitzenkoch Roland Trettl schimpft auf Restaurantführer
ID: 1485505
Restaurantführer
"Unfassbare Schlafmützen, die nicht mit der Zeit gehen" -
45-Jähriger ist erklärter Gegner von Kinderkarten - Verändertes
Bewusstsein gegenüber dem Essen
Osnabrück. Spitzenkoch Roland Trettl bezeichnet sich selbst als
einen "Gegner von diesen ganzen Restaurantführern". "Die liegen für
mich seit Jahren in einem Dornröschenschlaf, und die Gastronomie
lässt sich von ihnen einschränken, weil sie alle genau in das Raster
passen wollen, um sich auch ja alle Sterne, Punkte, Hauben an die Tür
kleben zu können," sagte der 45-Jährige der "Neuen Osnabrücker
Zeitung" (Samstag).
Es könne viel mehr wirklich gute Restaurants geben, wenn
Restaurantführer wie Michelin und Gault-Millau ein wenig mit der Zeit
gingen, monierte der Südtiroler. "Aber sie tun es nicht, es sind
unfassbare Schlafmützen." Ein in seinen Augen gutes modernes
Restaurant beschrieb Trettl als "lässig, die Gäste sind mit mir auf
einer gewissen Augenhöhe, ich kann in Jeans und mit coolen Sneakers
rumrennen - die Gäste auch. Und es ist absolut wurscht, ob ich den
Teller von links oder rechts serviere. Wenn ich richtig charmant bin,
dann kann ich dem Gast sogar noch den Wein über der Hose leeren, und
er wird mir nicht böse sein."
Ihm persönlich sei es "scheißegal, ob ein Drei-Sterne-Koch mehr
oder weniger in Deutschland unterwegs sei, sagte Trettl weiter: "Das
berührt mich wirklich überhaupt nicht mehr. Es langweilt mich. Das
Ganze ist eh so inflationär geworden, dass ich es nicht ernst nehmen
kann."
Auch der Umgang vieler Restaurants mit den jüngsten Gästen
missfällt dem Koch, der mittlerweile auch als Juror in Kochshows,
Buchautor, Kritiker und Coach arbeitet: "Die kulinarische Neugierde
der Kinder wird von vielen Eltern und Gastronomen kaputtgemacht."
Häufig müsse er sagen: "Verschwinde mit deiner blöden Kinderkarte.
Warum soll mein Kind ein Micky-Maus-Schnitzel bestellen? Glaubt ihr,
das bekommen sie daheim auch? Nein."
Andererseits beobachtet Trettl gerade einen Wandel in der
Gesellschaft: "Ich habe das Gefühl, dass sich das Bewusstsein der
Menschen, was das Essen anbelangt, verändert und ins Positive geht.
Es ist wichtig, dass Lebensmittel respektiert werden, dass man sich
Gedanken über das macht, was man auf den Teller bringt und isst. Ich
denke, da wächst gerade bei immer mehr Menschen ein Bewusstsein."
Essen sei auch immer eine Frage des Stellenwertes, betonte der
45-Jährige: "Das neueste Handy, das neueste Auto - das hat jeder. Was
soll auch sonst der Nachbar denken? Neue Schuhe - auch wenn schon
zehn Paar im Schrank liegen, alles wichtig. Und dann: Oh, es bleibt
nur noch wenig Geld über, da müssen wir dann wohl beim Essen sparen.
Stattdessen sollte man beim Essen anfangen."
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Datum: 29.04.2017 - 07:00 Uhr
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