Voll real oder bald nur noch gescripted? / 6. Deutscher Social TV Summit mit "Social Storytelling" im Fokus
ID: 1504367
Unternehmen und Künstler heute ein Muss. Gute Geschichten
zielgruppengerecht für YouTube, Snapchat und Instagram zu produzieren
und sie entsprechend zu vermarkten, ist jedoch nicht so einfach, wie
es häufig aussieht. Die Gäste des 6. Deutschen Social TV Summit
bekamen gestern einige gelungene Beispiele dafür zu sehen: von
Forschungs- und Education-Videos über Musik und Comedyformate bis hin
zu Fitnesstipps.
Unter dem Motto "Mit Social Storytelling zur Medienmacht?" hatten
die BLM und die Medientage München GmbH ein so informationsreiches
Programm im Münchner Literaturhaus zusammengestellt, dass manches
mobile Gerät meldete: "Maximale Notizgröße erreicht". Ein Fazit des
Tages: Längst sind die Grenzen zwischen TV und Social Web fließend
geworden und die Produktion für Social Media hat sich
professionalisiert. Oder wie Daniel Panto von Endemol Shine es
ausdrückte: "Einfach mal Handyvideo ist nicht mehr."
Um im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Zuschauer und Nutzer
mit Social Storytelling zu punkten, müssen "bewegte und bewegende
Geschichten" erzählt werden, so BLM-Präsident Siegfried Schneider in
seinem Grußwort. Dabei spielten Transparenz und die
Glaubwürdigkeitsfrage eine wichtige Rolle, betonte er mit Blick auf
die bisher mangelnde Werbekennzeichnung in Social Videos.
Längst werben erfolgreiche YouTuber, Instagrammer und Snapchatter
als so genannte "Influencer" für Produkte und Marken, um sich dadurch
zu refinanzieren. Vermarktet werden sie von Agenturen wie InCircles
oder Reach Hero, deren Gründer Christian Chyzyk in der Diskussion
"Gestatten Influencer!" betonte, dass Transparenz gegenüber Nutzern
und Werbekunden notwendig sei und er deshalb auch die FAQs der
Medienanstalten zur Lektüre empfehle. Ein weiteres Zeichen für die
Professionalisierung der Branche.
Was für eine enorme Entwicklung das Social Storytelling gemacht
hat, zeigte Bertram Gugel in seiner Keynote. Stories werden heute
über Plattformen und Kanalgrenzen hinweg erzählt, zum Beispiel beim
Thema Gaming: Mit Let's Play-Videoblogs hat es mal angefangen.
Mittlerweile werden Rahmen für eine größere Handlung geschaffen,
längere Storylines geschrieben, Teams treten gegeneinander an und der
Daily Vlog ist zur Daily Soap geworden. Seine These: "voll" real und
Authentizität waren gestern, künftig werden gescriptete Stories
dominieren.
Das wollte YouTuber Steve Heng nicht unwidersprochen stehen lassen
und wandte auf dem Podium und via Twitter ein: Das Reale werde immer
Bestandteil bleiben und manche Stars wie Bibi arbeiteten immer noch
bewusst authentisch, also z.B. ohne Richtmikro, um das Laienhafte aus
Anfangszeiten beizubehalten. Ob mit oder ohne Ausbildung bzw.
Erfahrung: Auf You Tube kann jeder produzieren. Der
Pro¬duktionsprozess sei quasi demokratisiert worden, resümierte
Moderator Michael Praetorius (im Wechsel mit Moderatorin Geraldine de
Bastion) die Diskussionsrunde zum "Spagat zwischen TV und Social
Web".
Mittlerweile holen sich auch Sender wie Sky Sport bewusst "Social
Media-Sidekicks" in die Moderation eines Sportereignisses, um die
junge Zielgruppen zu gewinnen. TV-Produzent Brainpool wertet alle
seine Comedyformate unter der Dachmarke "MySpass" auf YouTube aus und
RTL2 hat mit YOU gleich einen ganzen Online-Sender mit neuen Formaten
geschaffen. Aber eines ist klar: "Videos, die im Social Web laufen,
funktionieren nicht ohne Weiteres im TV." Denn man müsse sich darüber
austauschen können, betonte Kathrin Ruther vom MDR-Entwicklungslabor.
Doch wie muss welcher Kanal bespielt werden? Welche jeweiligen
Vorteile bieten Instagram, Snapchat und YouTube? So setzt
Snapchat-Beraterin Virginia Salas Kastilio (Ginicanbreathe) auf die
Storytelling-Möglichkeiten der App, Instagram-Influencerin Roxana
Strasser (Roxis Ecke) auf die Authentizität von Instragram-Stories
und vor allem auf "Links, Links, Links". Für den Streaming-Kanal
Rocket Beans TV dagegen ist You Tube insbesondere für
Longcontent-Formate geeignet, die nicht hauptsächlich mobil
konsumiert werden.
Das Spektrum an Möglichkeiten scheint schier unendlich zu sein,
wie der Summit zeigte. So können aus Social Movies Events werden
(Social Movie Night), YouTuber regional netzwerken (TubeMunich) oder
Musiker, Major-Labels und Radiosender gegenseitig von der Plattform
und Fundgrube Social Web profitieren. Und längst werden auch
informative Inhalte wie Forschungs- oder Wissenschaftsthemen zu
teilbaren Videos ("Science Nature Page" und "In a nutshell"). Das
gilt auch für die Aufbereitung politischer Themen für Snapchat
Discover, bedeutet aber in jedem Fall eine Menge Arbeit und kein
einfaches "Copy & Paste": An der Reichweite gemessen, sei Snapchat
Discover die erfolgreichste Produkteinführung der Spiegel-Gruppe
gewesen, berichtete Torsten Beeck. Selbst harte Themen wie die
"Kinderehe" funktionierten, wenn sie die Zielgruppe ansprechen. Für
Spiegel Online sind das bei Snapchat Discover meist weibliche Nutzer
unter 25 Jahren.
Eine neue Zielgruppe zu erreichen, ist für eine Marke die eine
Seite der Medaille. Doch wie lässt sich mit dem Traffic auf den
Social Media-Kanälen Geld verdienen? Zum Beispiel mit der Bewertung
des Kontakts (Engagement KPI), Geotests und Media Mix Modeling wie
Charlotte Preut und Celina Steffen von Zalando erläuterten.
Für die Marken bietet das Social Web also zusätzliche
Vermarktungsmöglichkeiten, die Creator selbst haben es mit der
Refinanzierung ihrer Aktivitäten aber nicht so leicht: Werbung für
Traffic, Abonnements, Crowdfunding und Merchandising bieten sich an -
als Gegenleistung für harte Arbeit. YouTuber Philipp Dettmer von "In
a Nutshell" hat nach vier Jahren zwar eine Firma mit 16 Leuten
aufgebaut, die ca. 16-18 animierte Videos pro Jahr produzieren. Er
verdeutlicht aber: "In einem Video von fünf bis sieben Minuten
stecken 500 Arbeitsstunden."
Weitere Informationen und Fotos zur Veranstaltung finden Sie
unter:
https://medienpuls-bayern.de/event/deutscher-social-tv-summit-2017
Pressekontakt:
Bettina Pregel
Stellv. Pressesprecherin
Tel. (089) 63808-318
bettina.pregel@blm.de
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Datum: 27.06.2017 - 13:21 Uhr
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