Wanderunfälle: Obacht beim Abstieg
ID: 1509067
Stürze machen rund die Hälfte aller Unfälle beim Wandern aus. Wie es zum Ausrutschen, Umknicken und Stolpern in den Bergen kommt, untersucht aktuell ein Team um Martin Faulhaber von der Universität Innsbruck mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF.
Datenauswertung alpinpolizeilicher Protokolle
Während es bereits Untersuchungen zum Aspekt von Herz-Kreislauf-Problemen beim Wandern gibt, die – vorwiegend bei Männern – auch zum plötzlichen Herztod führen können, ist über die Ursachen, wie es zu Stürzen beim Wandern kommt, noch wenig bekannt. Um deren Risikofaktoren zu identifizieren, hat der Sportwissenschafter Martin Faulhaber von der Universität Innsbruck 2016 das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt "Stürze bei Bergwanderern" gestartet. Als ersten Schritt der noch laufenden Untersuchungen haben Faulhaber und sein Team nichttödliche und tödliche Unfälle durch Stürze beim Wandern, die von der Österreichischen Alpinpolizei (http://www.bmi.gv.at/cms/bmi_alpindienst/_news/bmi.aspx) in den vergangenen neun Jahren dokumentiert wurden, ausgewertet. Insgesamt 5.368 Unfälle mit 5.665 Opfern konnten für diesen Zeitraum in die Analyse einbezogen werden. Die Datenauswertung zeigt, dass die Geschlechterverteilung mit 53 Prozent Frauen und 47 Prozent Männern relativ ausgeglichen ist. Die Verunfallten sind zum Großteil zwischen 40 und 70 Jahre alt.
Weniger tödliche Unfälle, Stürze beim Abstieg
Bemerkenswert sei, dass die Zahl der tödlichen Unfälle über das knappe Jahrzehnt mit rund 35 Personen pro Jahr konstant blieb, die nichttödlichen Unfälle hingegen kontiniuerlich angestiegen sind, wie Projektleiter Faulhaber berichtet. 2006 waren es noch 474 Verletzte, 2014 bereits mehr als 700. "Das lässt sich vermutlich auch damit erklären, dass mehr und mehr Menschen in die Berge gehen und mehr Notrufe abgesetzt werden. Es könnte aber auch ein Hinweis dafür sein, dass Bergwandern etwas sicherer geworden ist", erklärt Faulhaber. Genaue Aussagen dazu sind schwierig, denn im Gegensatz zum Wintersport, wo durch die Seilbahngesellschaften die exakten Besucherzahlen erfasst werden, lässt sich die Zahl der Sommerbergsportlerinnen und -sportler eben nur schätzen.
Die Daten der Alpinpolizei sind jedenfalls eine wertvolle Ausgangsbasis für das Forscherteam. So zeigen die Datenanalysen weiters, dass Stürze meistens auf markierten Schotterwegen oder steinigem Untergrund passieren, nur sechs Prozent der Stürze sind auf verschneite Böden zurückzuführen. – Und noch ein interessantes Ergebnis haben die Auswertungen der alpinpolizeilichen Dokumente ergeben: 75 Prozent der Stürze passieren beim Abstieg. Das impliziert, dass Ermüdung eine Rolle spielen könnte ebenso wie die für viele ungewohnte Belastung beim Bergabgehen, doch vorerst sind das noch Thesen.
Risikofaktoren im Feld identifizieren
Um mehr über die Faktoren zu erfahren, die zu Stürzen beim Bergwandern führen und entsprechende Präventivmaßnahmen zu entwickeln, braucht es weitere Untersuchungen. In den kommenden zwei Jahren wollen die Innsbrucker Forscherinnen und Forscher daher Risikofaktoren identifizieren und die Mechanismen verstehen, die zu Unfällen führen. Eine Pilotstudie dazu hat Elena Pocecco, Mitarbeiterin im Projekt, 2016 durchgeführt, indem sie Bergwanderinnen und -wanderer befragte, die sich durch einen Sturz verletzt hatten. Mittels Fragebogen erfasste sie unter anderem Daten zu Risikoverhalten, Ausrüstung, Verlauf der Wanderung, früheren Verletzungen und Wandererfahrungen. Die Daten werden nun mit Personen verglichen, die ohne Stürze auf den gleichen Wanderwegen unterwegs waren. Dabei stehen Faulhaber und seinem Team noch viel "Feldarbeit" bevor. Denn die Wissenschafterinnen und Wissenschafter erfassen nicht nur die Daten und werten sie statistisch aus, sondern überprüfen persönlich das Gelände und die Wegbeschaffenheit der Unfallstellen. Zudem sprechen sie mit Wanderinnen und Wanderern vor Ort – immer potenziellen Risikofaktoren für Stürze beim Bergwandern auf der Spur.
Zur Person
Martin Faulhaber (https://www.uibk.ac.at/isw/mitarbeiterinnen/mitarbeiterinnenseite/faulhaber/zurperson.html) ist Sportwissenschafter an der Universität Innsbruck, Lehrbeauftragter der Bundessportakademie in Innsbruck und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin (ÖGAHM, http://www.alpinmedizin.org). Er forscht unter anderem zu leistungs- und höhenphysiologischen Fragestellungen, wie zum Beispiel zur Prävention der akuten Bergkrankheit bei Bergsteigerinnen und Bergsteigern.
Publikationen
Pocecco E, Philippe M, Niedermeier M, Faulhaber M.: Unfallursachen beim Bergwandern. Fachmagazin Analyse:Berg (http://www.alpinesicherheit.at/de/analyse-berg/), Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit. In Druck
Faulhaber M, Pocecco E, Ritter E, Bilek H, Kopp M, Burtscher M.: Equipment, Risk Awareness and Safety-Relevant Behaviour of Via Ferrata Climbers. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25919334) Sportverletz Sportschaden 2015; 29: 151-156
Faulhaber M, Ruedl G, Burtscher M.: Unfälle beim Bergwandern, auf Hochtouren und beim Klettern. (https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0032-1327455) Flugmedizin – Tropenmedizin – Reisemedizin 2012; 19: 171-175
Ruedl G, Faulhaber M, Burtscher M.: Risiken für alpine Skifahrer, Skitourengeher und Skilangläufer. (https://eref.thieme.de/ejournals/1864-175X_2012_01#/10.1055-s-0032-1307042) Flugmedizin – Tropenmedizin – Reisemedizin 2012; 19: 12-16
Faulhaber M, Flatz M, Gatterer H, Schobersberger W, Burtscher M.: Prevalence of cardiovascular diseases among alpine skiers and hikers in the Austrian Alps. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17824825) High Alt Med Biol 2007; 8: 245-252
Bild und Text ab Montag, 10. Juli 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at
Wissenschaftlicher Kontakt
Assoz.-Prof. PD Dr. Faulhaber Martin
Institut für Sportwissenschaft
Universität Innsbruck
Fürstenweg 185 6020 Innsbruck
T +43 / 512 / 507 45893
E martin.faulhaber@uibk.ac.at
W https://www.univie.ac.at/
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Datum: 10.07.2017 - 11:27 Uhr
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