Neue Westfälische (Bielefeld): Deutsch-türkisches Verhältnis
Trauriger Tag
Sigrun Müller-Gerbes
ID: 1513061
Türkei gegenüber ist emotional: Endlich, möchte man rufen, endlich
fällt die Bundesregierung dem Despoten aus Ankara in den Arm, setzt
seinem Größenwahn Grenzen. Lange genug ist er uns auf der Nase
herumgetanzt; hat unsere Politiker als Nazis beschimpft, weil sie ihm
Propagandaauftritte hierzulande verwehrten; hat Abgeordneten den
Besuch bei deutschen Soldaten in der Türkei verwehrt; hat einen
deutschen Staatsbürger nach dem anderen unter immer abenteuerlicheren
Vorwürfen inhaftiert. Schluss damit! Für Genugtuung aber gibt die
Eskalation leider keinen Anlass. Eigentlich ist der gestrige Tag ein
trauriger Tag. Er macht deutlich, dass auch Berlin diese Türkei, der
man sich über so viele Jahre angenähert hat, nun als Partner verloren
gibt. Eine Alternative dazu gibt es nicht mehr. Lange war hinter den
Kulissen versucht worden, mit Recep Tayyip Erdogan zu verhandeln, auf
leisem, diplomatischem Weg die Probleme aus der Welt zu schaffen. Die
Reaktion aus Ankara: Gepolter und weitere Willkür. Seit mehr als 150
Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel inzwischen in Haft, nun ereilt
den Menschenrechtler Peter Steudtner das gleiche Schicksal. Dass im
politischen Berlin unter der Hand kolportiert wird, Erdogan habe
Yücel gegen Generäle austauschen wollen, die bei uns nach dem
Putschversuch als Asylbewerber Schutz suchen, spricht Bände:
Diplomatie prallt ab an jemandem, der sein eigenes Machtstreben an
die Stelle von Recht setzt. Nun also auf die harte Tour: Schärfere
Warnungen an deutsche Türkei-Touristen, Drohung mit dem Entzug von
Wirtschaftsförderung, eine "grundsätzliche Neuausrichtung" der
Türkeipolitik. Ob das alles dazu führen wird, Yücel, Steudtner und
ihre Leidensgenossen rascher nach Hause zu bringen? Das steht in den
Sternen. Die ersten Reaktionen aus Ankara sind beleidigt wie stets.
Aber: Wirtschaftszusammenarbeit und Tourismus sind die einzigen
wirklichen Hebel, die dem Westen bleiben - die Türkei ist
wirtschaftlich bereits angeschlagen, ein ernsthafter Einbruch könnte
Erdogans Beliebtheit im Lande schaden. Also besteht ein Fünkchen
Hoffnung auf ein Einlenken. Doch selbst wenn: Das deutsch-türkische
Verhältnis liegt in Scherben. Es wieder zu kitten, liegt derzeit
nicht in der Hand der Bundesregierung.
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Datum: 20.07.2017 - 20:00 Uhr
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