Aachener Nachrichten: Nur mit Zuwanderung
Der Fachkräftemangel erfordert schnelles Handeln
ID: 1524947
Klimawandel: Zu beidem gibt es seit Jahren in unregelmäßigen
Abständen Studien mit besorgniserregenden Ergebnissen. Dass sie, wenn
überhaupt, nur noch mit Nuancen überraschen dürften, macht sie nicht
weniger beunruhigend. Und nicht weniger wichtig. Die Lage sei
dramatisch, heißt es dann. Oft auch: dramatischer als bislang bekannt
oder angenommen. Wenn man jetzt nicht gegensteuere, sei es zu spät.
Als eine "Mahnung zum Handeln" bezeichnet Bundesarbeitsministerin
Andrea Nahles (SPD) dann auch ihren Fortschrittsbericht, der gestern
vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Eine zeitgleich
veröffentlichte Prognos-Studie untermauert die Aussagen aus dem
Ministerium. Dennoch: Wieder einmal könnten dringend notwendige
Konsequenzen an entscheidender Stelle ausbleiben. Denn dass sich
Verbände und Kammern engagieren, reicht leider nicht. Von höchster
Stelle muss tatkräftig gegengesteuert werden. Deutschland kommt
angesichts des demografischen Wandels gar nicht darum herum, in
großem Umfang auf qualifikationsorientierte Zuwanderung zu setzen.
Das heißt: Auf die Agenda der nächsten Bundesregierung gehört auch
ein Zuwanderungsgesetz, das seinen Namen verdient. Es sollte es Fach-
und Spitzenkräften auch aus Staaten außerhalb des Europäischen
Wirtschaftsraums, sogenannten Drittstaaten, leicht machen, nach
Deutschland zu kommen. Als das jetzige Zuwanderungsgesetz Anfang 2005
in Kraft trat, hatte es nicht den angekündigten Effekt, es kamen
deutlich weniger qualifizierte Zuwanderer als erhofft. Das Gesetz,
das 2007 noch einmal in einigen Punkten nachgebessert aber nicht
grundlegend reformiert wurde, unterscheidet zwischen der befristeten
Aufenthaltserlaubnis und der unbefristeten Niederlassungserlaubnis.
Will Deutschland Fachkräfte aus Drittstaaten dauerhaft gewinnen,
müssen die Hürden für die Niederlassungserlaubnis deutlich gesenkt
werden. Wer unbefristet bleiben will, muss derzeit unter anderem
zuvor schon mindestens fünf Jahre lang eine Aufenthaltserlaubnis in
Deutschland besessen haben. Warum sollten sich Manager, Forscher,
Ingenieure, Ärzte, Pfleger und medizinische Assistenten aus aller
Welt darauf einlassen, wenn sie etwa in Kanada wesentlich
unkomplizierter willkommen geheißen werden? Kanada ist auch das
Vorbild, an dem sich unter anderem Arbeitsministerin Nahles
orientiert. Seit Oktober 2016 betreibt das Bundesarbeitsministerium
in Baden-Württemberg zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit das
"punktebasierte Modellprojekt für ausländische Fachkräfte". Anders
als bisher steht der Arbeitsmarkt damit nicht nur Fachkräften aus
Drittstaaten offen, deren berufliche Qualifikation auf der
sogenannten Positivliste steht, die vermerkt, wo Engpässe herrschen.
Wer sich bewirbt, muss gewisse Kriterien zur Integrationsfähigkeit
erfüllen. Diese werden mit Punkten bewertet, wobei insgesamt 100
Punkte erreicht werden müssen. Ganz oben stehen Sprachkenntnisse -
wer Deutsch auf fortgeschrittenem Niveau beherrscht, erhält sofort
100 Punkte und damit den Direktzugang zum Arbeitsmarkt. Punkte erhält
beispielsweise auch, wer nachweisen kann, dass er bereits Kenntnisse
über kulturelle Rahmenbedingungen erworben hat. Vorschläge zu solch
einem Punktesystem gibt es übrigens schon lange, ihre Umsetzung ist
allerdings bislang vor allem am Widerstand der Union gescheitert.
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Datum: 30.08.2017 - 19:38 Uhr
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