OBS-Studie: AfD-Wähler und Ostdeutsche misstrauen Medien am stärksten
ID: 1537638
Vertrauen in Medien bleibt hoch, gleichzeitig steigt Misstrauen stark
an +++ Glaubwürdigkeit der Medien und Vertrauen in demokratische
Institutionen sind eng gekoppelt: Lediglich 18% der Menschen, die
Medien misstrauen, sind mit der Demokratie zufrieden +++ Zusammenhang
besonders stark für Institutionen der repräsentativen Demokratie wie
Parlament und Parteien, schwächer ist er bei Justiz und Polizei +++
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk sowie Qualitätszeitungen schaffen
Medien- und Demokratievertrauen +++ Internet stellt mit Echokammern
große Herausforderung dar +++
Die gesellschaftliche Polarisierung, so ein zentraler Befund einer
neuen Untersuchung der Otto Brenner Stiftung über Mediennutzung und
Demokratiezufriedenheit, geht einher mit einer wachsenden
Polarisierung des Misstrauens in die Medien. Einerseits bleibe die
Glaubwürdigkeit der Medien vergleichsweise stabil und hoch.
Andererseits wachse aber auch der Anteil derjenigen, die Medien mit
starkem Misstrauen begegnen. Diejenigen Milieus, die sich durch
Ablehnung der demokratischen Grundwerte auszeichnen, sind auch durch
ein starkes Misstrauen gegenüber allen Medien geprägt. Das
OBS-Autorenteam um Oliver Decker, der auch die Leipziger
"Mitte"-Studien zum Autoritarismus in Deutschland mitverantwortet,
weist erstmals diesen Zusammenhang nach und untersucht seine Folgen.
In der innovativen Untersuchung werden die Ergebnisse der Leipziger
"Mitte"-Studien zur Entwicklung unterschiedlicher politischer Milieus
mit der Einstellung gegenüber verschiedenen Medien kombiniert. Ein
wichtiger Befund: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Tageszeitungen
erzielen nach wie vor hohe Vertrauenswerte. Allerdings sind diese zum
Beispiel in den antidemokratisch-autoritären Milieus deutlich auf
unter 40 % gesunken. Die Boulevardpresse und vor allem das Internet
sind demgegenüber weit abgeschlagen - quer durch alle Milieus glaubt
ca. nur jeder Fünfte, was dort zu lesen ist: "Menschen, die den
klassischen Medien misstrauen, informieren sich öfter über das
Internet - und misstrauen auch den dortigen Nachrichten", stellt der
Studienleiter Oliver Decker fest und gibt zu bedenken: "Wir sehen
hier ganze politische Milieus, die sich in der demokratischen
Gesellschaft nicht mehr repräsentiert fühlen"
Erstmals kann die Untersuchung der OBS darüber hinaus
eindrucksvoll belegen, dass eine Wechselwirkung zwischen
Medienvertrauen und Demokratiezufriedenheit besteht. Denn auch
unabhängig vom einzelnen Milieu lässt sich feststellen: Wer die
Glaubwürdigkeit der Medien hoch einschätzt, ist auch mit dem
Funktionieren der Demokratie hoch zufrieden. Umgekehrt gilt: Wer
Medien als unglaubwürdig einstuft, ist höchst unzufrieden mit dem
Funktionieren der Demokratie. 90% der Menschen, die den Medien
grundsätzlich Glaubwürdigkeit zugestehen, sind zugleich auch mit der
Idee der Demokratie zufrieden. Bei denjenigen, die dieses Vertrauen
verloren haben, sieht dies nur noch knapp die Hälfte der Befragten
so. Die Folgen dieser Wechselwirkung sind beträchtlich: Unter diesen
Menschen wählen knapp 60% gar nicht oder die AfD. Dabei hat die Art
des konsumierten Mediums ebenfalls einen großen Einfluss auf die
Vertrauensbildung: In der Gruppe von Personen, die sich
ausschließlich im Internet informieren, ist der Anteil der Nicht- und
AfD-Wähler stark erhöht. Demgegenüber ist das Vertrauen in alle
gesellschaftlichen Institutionen (von Gewerkschaften und Kirchen über
Polizei und Justiz bis hin zu Regierung, Parlament und Parteien)
deutlich niedriger als im Rest der Bevölkerung.
"Die Ergebnisse bestätigen", so der Geschäftsführer der Otto
Brenner Stiftung, Jupp Legrand, "dass es hinsichtlich der Vertrauens-
und Glaubwürdigkeitskrise der Medien trotz eines weiterhin hohen
Zuspruchs vieler Menschen keine Entwarnung geben kann und darf." Die
Zahlen deuten vielmehr darauf hin, dass ambivalente Haltungen
abnehmen. Großes Vertrauen bleibt stabil und hoch, aber auch tiefes
Misstrauen steigt kontinuierlich an. Besonders die wechselseitige
Kopplung von Medienglaubwürdigkeit und Demokratievertrauen verweise,
so Legrand weiter, "auf die beträchtliche Gefahr für unsere
demokratische Ordnung, wenn ein relevanter Teil der Bevölkerung weder
durch gemeinsame Werte und Überzeugungen, noch durch die Teilhabe an
einer gemeinsamen Öffentlichkeit für die Gesellschaft erreichbar
bleibt". Der Einbezug von möglichst vielen Individuen und Milieus in
eine dialogische Öffentlichkeit muss, so ein Appell der Stiftung, für
Bildungseinrichtungen und Medienmacher oberstes Ziel bleiben.
Oliver Decker, Alexander Yendell, Johannes Kiess, Elmar Brähler:
Polarisiert und radikalisiert? Medienmisstrauen und die Folgen für
die Demokratie; OBS-Arbeitspapier 27, Frankfurt am Main, Oktober 2017
Informationen zum neuen OBS-Arbeitspapier 27:
http://ow.ly/3edc30fELzN
Pressekontakt:
Otto Brenner Stiftung:
Jupp Legrand
OBS-Geschäftsführer
069-6693-2810
E-Mail: info@otto-brenner-stiftung.de
Autorenteam:
Oliver Decker
0176-24821940
E-Mail: oliver.decker@medizin.uni-leipzig.de
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Datum: 06.10.2017 - 10:00 Uhr
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