Börsen-Zeitung: Regulator im Dilemma, Kommentar zu Krypto-Finanzierung von Dietegen Müller
ID: 1550860
Wertpapieraufsicht ESMA vor Krypto-Finanzierungen, sogenannten
Initial Coin Offerings (ICOs). Sie weist darauf hin, dass es sich bei
der Aufnahme von Geldern von Investoren um eine Finanzdienstleistung
handeln kann, die den einschlägigen Richtlinien und Verordnungen
unterliegen würde - wie etwa Prospekt- und Dokumentationspflichten
und Geldwäschestandards. Bisher bewegen sich Krypto-Finanzierungen in
einem nahezu unregulierten Bereich - Finanzexperten sprechen auch
schon einmal von "Wildem Westen".
Auch die US-Aufsicht CFTC hat bereits gesagt, dass es sich bei der
Vergabe von digitalen Beteiligungsrechten - den Token oder Coins - im
Grunde um Wertpapiergeschäfte handelt. Sehr wahrscheinlich wird die
europäische Aufsicht ebenfalls in diese Richtung gehen.
Böse Zungen unken, ICOs seien im Aggregat kaum viel mehr als ein
Ponzi-Schema, also ein Betrugsmodell. Mit digitalen Tauschwerten auf
Basis einer schwer verständlichen Technologie - Blockchain oder
Distributed Ledger - sollen ebenso schwer verständliche Projekte in
ebensolchen Bereichen finanziert werden. Der Vorwurf lautet also: Der
rasante Kursauftrieb von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum sei
nur Folge eines selbstreferenziellen Schwungrads, mit dem Anleger
über den Tisch gezogen oder für illegale Machenschaften missbraucht
werden. Dass die Aufsicht hier gegen Auswüchse einschreiten müsse,
sei selbstverständlich - im Jahr vier nach dem ersten größeren ICO
(Mastercoin) auch an der Zeit.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Aufsicht ist in einem
Dilemma. Mal abgesehen von der Eigenverantwortung der Investoren -
ICOs und Kryptowährungen haben Potenzial, Teile des Bankgeschäfts auf
den Kopf zu stellen. Finanzierungen könnten ohne hohe Gebühren von
Intermediären wie Investmentbanken durchgeführt werden, zudem viel
schneller. Dies wäre zum Vorteil von Firmen und Investoren. Die
Aufsicht muss daher genau überlegen, wie eng sie das regulatorische
Korsett schnüren will, in dem ICOs künftig stattfinden sollen. Zudem
ist sie als zentrale Behörde gefordert, weil ICOs über das Internet
prinzipiell überall dezentral durchgeführt werden können und
technologisch enorm wandelbar sind. Schon jetzt zeigt sich, wie
unterschiedlich Aufseher weltweit Kryptowährungen beurteilen. Das
lädt zu Regulierungsarbitrage ein. Es ist darum nötig, dass sich die
Blockchain-Gemeinde selbst Wohlverhaltensstandards setzt, sie
anwendet und damit mehr Vertrauen in eine sinnvolle, durchaus
revolutionäre Technologie schafft.
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Datum: 13.11.2017 - 20:50 Uhr
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