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stern: Landkreis Hildesheim hat neuen DNA-Test zur Altersbestimmung von Flüchtlingen eingesetzt - Verfahren stammt vom deutsch-amerikanischen Forscher Steve Horvath

ID: 1568301
(ots) - Der Landkreis Hildesheim hat vor einigen Monaten
ein neues Verfahren zur Altersbestimmung von Flüchtlingen eingesetzt.
DNA aus der Blutprobe eines jungen Flüchtlings wurde stern-Recherchen
zufolge im vergangenen Mai in einem kalifornischen Labor erfolgreich
untersucht. Der Flüchtling, der im Rahmen eines Aufenthaltsverfahrens
behauptete, minderjährig zu sein, sei laut Analyse mit einer
Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent zwischen 26,4 und 29 Jahren alt.
Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,999 Prozent sei er älter, als er
sagt. Details dazu berichtet der stern in seiner am Donnerstag
erscheinenden Ausgabe.

Die Methode könnte eine neue Diskussion um die Altersbestimmung
von Flüchtlingen in Deutschland auslösen. Politiker wie
Bundesinnenminister Thomas de Maizière und SPD-Fraktionschefin
Andreas Nahles forderten in den vergangenen Tagen bundeseinheitliche
Tests bei Flüchtlingen, über deren Alter Zweifel bestehen. Bislang
praktizierte Verfahren, bei denen Ärzte auf Röntgenbilder
zurückgreifen, werden aufgrund der Strahlenbelastung kritisiert und
teilweise abgelehnt. Für die DNA-Methode ist lediglich eine Probe aus
Speichel oder Blut notwendig.

Entwickelt hat die Methode der deutsch-amerikanische
Humangenetiker und Biostatistiker Steve Horvath von der University of
California in Los Angeles. Horvath ist davon überzeugt, dass sein
Test anderen Verfahren zur Altersbestimmung wie der Röntgenmethode
überlegen ist: "Das ist so, als ob man einen Mercedes mit einem
Rasenmäher vergleicht", sagte Horvath dem stern.

Um das Alter eines Menschen zu bestimmen, untersucht Horvath
zahlreiche Genbausteine, an denen sich altersbedingt chemische
Veränderungen nachweisen lassen - die sogenannte Methylierung. "Es
ist, als würde die DNA im Laufe des Lebens rosten", sagte Horvath dem
stern. Von diesem "Rost" kann ein Labor das biologische Alter des


Menschen ableiten. Es entspricht nicht exakt dem rechnerischen Alter,
das sich aus der Geburtsurkunde ergibt, doch die Abweichungen davon
sind nur gering - besonders bei jüngeren Menschen. Auch deutsche
Rechtsmediziner wie der stellvertretende Direktor der Rechtsmedizin
in Münster, Andreas Schmeling, der zudem Vorsitzender der
Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik ist, bezeichnet
Horvaths Entdeckung als "große Hoffnung". Unter den Bezeichnungen
"Epigenetische Uhr" bzw. "Horvaths Uhr" hat sie bereits bei Forschern
weltweit Beachtung gefunden.

Die neue DNA-Methode wirft nun rechtliche Fragen auf. Die
Strafprozessordnung verbietet bislang derart weitgehende DNA-Analysen
im Strafverfahren. Daher kann sie auch nicht im Fall von Kandel zum
Einsatz kommen. Doch die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern
haben bereits in der vergangenen Legislaturperiode im Bundesrat eine
Gesetzesänderung angeregt, die zurzeit in den Fachausschüssen liegt.
Sie folgen damit der Forderung zahlreicher Polizisten. "Wenn
Ermittler an einem Tatort eine DNA-Spur finden, könnten sie das Alter
des Gesuchten eingrenzen, und wir müssten nicht mehr jeden als Täter
in Betracht ziehen", sagte der Vizepräsident des Landeskriminalamts
Baden-Württemberg, Andreas Stenger, dem stern.

Außerhalb des Strafverfahrens gelten andere Regeln: Wollen
Jugendämter und Ausländerbehörden das Alter von mutmaßlich
minderjährigen Flüchtlingen feststellen, gilt das Sozialgesetzbuch,
das "ärztliche Untersuchungen" erlaubt. Auf dieser Grundlage hat man
auch das Alter im Hildesheimer Fall analysiert.

Diese Vorabmeldung ist nur mit der Quellenangabe stern zur
Veröffentlichung frei.



Pressekontakt:
stern-Ressortleiterin Dagmar Gassen,
Telefon 040-3703-3660;
stern-Redakteur Dominik Stawski,
Telefon 030-3703 4414

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