Neue Westfälische (Bielefeld): Russlands Putin und der Westen
Diplomatische Eiszeit
Jochen Wittmann, London
ID: 1591716
bevor die Russen sich vor den Wahllokalen anstellen, um ihrem
Präsidenten eine neue Amtszeit zu bescheren, weist Wladimir Putin 23
britische Diplomaten aus und verfügt die Schließung des
Kulturinstituts "British Council". Der britische Außenminister Boris
Johnson gießt seinerseits Öl ins Feuer. In einem Beitrag für die Sun
on Sunday nennt er die Maßnahmen "sinnlos". Russland "stehe allein
und isoliert da". Der Unterschied zwischen Großbritannien und Putin
sei: "Wir haben Freunde und er nicht." Der Fall des vergifteten
russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal hat geopolitische
Dimensionen erreicht. Großbritannien zeigt mit dem Finger auf den
Kreml, und der Westen unterstützt die britische Position. Die NATO,
die EU-Partner und die USA teilen die britische Einschätzung, dass
Russland die Verantwortung für den Anschlag trägt. Entweder sei der
Mordversuch staatlich sanktioniert gewesen oder Russland habe die
Kontrolle über den Nervenkampfstoff Nowitschok verloren und sei
Schuld, dass er in die Hände anderer Akteure gelangt sei. Die Wahl
der Waffe ist der eigentliche Affront. Der erste Einsatz einer
Chemiewaffe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ist ein Vorfall, bei
dem keiner mehr wegschauen kann. Russland hat auch vorher schon auf
britischem Boden missliebige Exil-Russen umgebracht. Der Fall
Alexander Litwinenko lässt grüßen. Zur Zeit werden vom
Innenministerium 14 weitere mysteriöse Todesfälle untersucht. Und die
Anti-Terror-Polizei ermittelt jetzt auch im Mordfall Nikolai
Gluschkow - ein in London getöteter Geschäftsmann. Hatte man vorher
manches ignoriert, geht das jetzt nicht mehr. Denn der Einsatz eines
Nervenkampfstoffes wie Nowitschok ist ein Paradigmenwechsel. Es ist
eine Provokation von neuer Qualität: Seht her, scheint Russland
demonstrieren zu wollen, was wir mit Verrätern anstellen können, und
es schert uns keinen Deut, wenn die Spur zurück nach Moskau führt.
Sollte das wirklich so sein, ist der gesamte Westen herausgefordert.
Der Anschlag ist auf britischem Boden verübt worden, sagte
Premierministerin Theresa May, aber er hätte jeden von uns treffen
können. Jetzt, wo man es weitere sechs Jahre mit einem Putin-Russland
zu tun hat, wird eine Kurskorrektur gefordert. Die britische
Regierung arbeitet daran, einen kollektiven Sanktionsschritt des
Westens zu organisieren. Es sieht danach aus, als werde der Fall
Skripal zu einem Wendepunkt in den Beziehungen zwischen dem Westen
und Putins Russland.
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Datum: 18.03.2018 - 20:00 Uhr
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