Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
Handelskrieg
Weckruf für Europa
Stefan Schelp
ID: 1594212
heimischen Wirtschaft war so vernehmlich, dass man mit der Luft
gleich einen Hochofen hätte anblasen können. Schon am Tag danach hat
man allerdings das Gefühl, bei diesem tiefen Durchatmen hätten die
Wirtschaftskapitäne zu viel kalte Luft in die Lunge bekommen. Die
Stimmung ist mies, die Sorgen überborden. Mit Recht. Denn mit Donald
Trumps Gnadenerlass ist die Gefahr eines Handelskriegs, mit der
deutschen Exportnation zwischen den Fronten, ja keineswegs gebannt.
Zum einen ist die EU zunächst nur bis zum 1. Mai von den Strafzöllen
ausgenommen. Das Damokles-Schwert baumelt also nach wie vor über den
deutschen Exporteuren. Zum anderen ist selbst heimliche Schadenfreude
angesichts des Schicksals der Chinesen unangebracht. Sie sind
inzwischen die einzigen, auf die Trumps Strafzoll-Wut niedergeht.
Dass die Machthaber im Reich der Mitte mit Gegenmaßnahmen schneller
am Start sind als es die Europäische Union wäre, darf man vermuten.
Damit ist der Handelskrieg da. Nur weil die Front dann anders
verläuft, als zunächst befürchtet, ist Europa längst nicht fein raus.
Der billige Stahl aus China wird nach Europa fluten - und das, wo die
heimische Stahlindustrie ohnehin schon unter Überkapazitäten leidet.
Zudem ist die Volksrepublik für Deutschland ein gewichtiger
Handelspartner. "Wir alle sind auch ein bisschen China", sagt der
Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Wenn einer von
Deutschlands wichtigsten Handelspartnern Schwierigkeiten bekommt,
kommt das auch bei den heimischen Unternehmen an. Alles hängt ja mit
allem zusammen. Aber wenn das so ist, wer hängt sich dann an wen?
Deutschland an China? Europa an Kanada? Asien an Afrika? Die
Trump'schen Chaostage werden dafür sorgen, dass sich die Welt neu
sortiert. Totgesagte Handelsabkommen könnten wiederbelebt werden.
Neue Kontrakte geschmiedet werden. Für die Europäer sollte es ein
Weckruf sein, sich auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen.
Zusammenzustehen, schwelende Konflikte auszuräumen, auf vielen Jahren
gemeinsamen Friedens und Wohlstands Neues aufzubauen. Europa ist viel
zu klein, ist welthandelspolitisch viel zu unbedeutend, als dass es
sich der Kontinent leisten könnte, sich in Scharmützeln untereinander
aufzureiben. Verbündete sind wichtig. Das gilt erst recht im
Handelskrieg. Schade, dass diese Erkenntnis für die Briten bereits zu
spät kommt.
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Datum: 23.03.2018 - 20:30 Uhr
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