Börsen-Zeitung: Im Bann des Handelsstreits,
Marktkommentar von Christopher Kalbhenn
ID: 1597934
politische Börsen kurze Beine haben. Sie beschreibt das sehr häufig
zu beobachtende Phänomen, dass irritierende politische Ereignisse
durchaus heftige Kursreaktionen auslösen können, die aber in der
Regel sehr schnell verfliegen, so dass die Marktteilnehmer recht
schnell wieder zur Tagesordnung übergehen können. In der abgelaufenen
Woche ist jedoch die Hoffnung, dass den vom US-Präsidenten Donald
Trump angezettelten Handelskonflikt das gleiche Schicksal ereilen
könnte, zunächst enttäuscht worden. Nachdem versöhnliche Signale im
Streit zwischen den Vereinigten Staaten und China am Donnerstag zu
einer kräftigen Erholung an den Aktienmärkten geführt hatten, folgte
am Freitag die Ernüchterung, nachdem Trump angedroht hatte, das
Volumen der Strafzölle auf chinesische Einfuhren von 50 Mrd. auf 150
Mrd. Dollar hochzuschrauben.
Seit Wochen befindet sich der Dax in einer Bodenbildungsphase, und
sie kann erst dann abgeschlossen werden, wenn absehbar wird, dass es
letztlich nicht zu einem für die Weltwirtschaft und insbesondere für
die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft verheerenden
Handelskrieg kommen wird. Werden rein rationale Erwägungen zugrunde
gelegt, spricht eigentlich alles dafür, dass es nicht dazu kommen
wird, womit auch der Weg für eine positive Entwicklung frei würde.
Die Fakten zeigen eindeutig, dass gerade auch die USA kein
Interesse daran haben können, den Streit mit China allzu stark
eskalieren zu lassen. Das Bankhaus M.M. Warburg empfiehlt Trump einen
volkswirtschaftlichen Nachhilfekurs und verweist auf einige lästige
Fakten. Handelsbilanzen seien das Ergebnis vieler Einflussfaktoren.
In den USA sei die Sparquote in Relation zu den Investitionen viel zu
niedrig. "Wären die USA eine geschlossene Volkswirtschaft, gäbe es
hier eine erhebliche Finanzierungslücke." Diese werde seit Jahren
durch Kapitalimporte der USA geschlossen, die zu einem nicht
unerheblichen Teil von China bereitgestellt würden.
Rein saldenmechanisch gingen mit den Kapitalimporten der USA
jedoch immer auch Defizite in der Handelsbilanz einher. Hier liege
das Problem: Durch die Verschuldungspolitik der US-Regierung seien
die USA in den kommenden Jahren auf weiter steigende Kapitalimporte
angewiesen, und diese Kapitalimporte würden mit weiter steigenden
Handelsbilanzdefiziten einhergehen, obwohl Trump gerade diese
bekämpfen wolle. "Vielleicht sollte sich der US-Präsident diese
Zusammenhänge erklären lassen, bevor er den Handelskrieg noch weiter
verschärft." China verfügt somit über einen langen Hebel, der sehr
leicht einzusetzen wäre. Mit der Fed, die mittlerweile ihre
Wertpapierbestände reduziert, ist ein großer Käufer vom
Treasury-Markt verschwunden. China braucht sich in
US-Staatsanleiheauktionen nur etwas zurückhaltender zu zeigen, um
einen empfindlichen Renditeanstieg auszulösen.
Wahrscheinlich wissen das die Berater (die noch im Weißen Haus
sind) und hoffentlich auch Trump. Möglicherweise haben daher
diejenigen Recht, die Trump eine Art Pokerspiel unterstellen, in dem
zunächst sehr ambitionierte Forderungen auf den Tisch geblättert
werden, um dann in anschließenden Verhandlungen möglichst viel
herauszuholen.
Aus Sicht der Aktienmärkte droht der Konflikt jedoch ein Problem
zu werden, das zumindest nicht so schnell verschwinden wird. So tut
man Trump wahrscheinlich Unrecht, wenn man ihm ein allzu hohes Maß an
Rationalität und Interesse an Fakten unterstellt, von diplomatischer
Rücksichtnahme ganz zu schweigen. Der US-Präsident bleibt
unberechenbar und könnte in nächster Zeit durchaus noch die eine oder
andere Börsenschwäche herbeitwittern.
Nicht zuletzt muss er seinen alles andere als berauschenden Track
Record aufpolieren bzw. irgendwelche Erfolge produzieren. Im November
finden die Zwischenwahlen statt, und angesichts der tief im Keller
verharrenden Popularitätswerte des Präsidenten droht seiner Partei im
November der Verlust der Mehrheit im Repräsentantenhaus, was Trumps
Gestaltungsmöglichkeiten für die Zeit bis zur nächsten
Präsidentschaftswahl arg beschneiden würde. Chinas starker Mann,
Präsident Xi Jinping, wiederum wird kaum ein Interesse daran haben,
klein beizugeben und dadurch Schwäche zu zeigen. Im besten Fall kann
daher auf langwierige und komplizierte Verhandlungen gehofft werden,
was nichts anderes bedeutet, als dass das lästige Thema dem
Aktienmarkt wohl noch eine Zeit lang erhalten bleiben wird.
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Datum: 06.04.2018 - 20:40 Uhr
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