Börsen-Zeitung: Mehr als nur Ausrutscher / Kommentar zur Entwicklung von Finanztiteln an der Börse

Börsen-Zeitung: Mehr als nur Ausrutscher / Kommentar zur Entwicklung von Finanztiteln an der Börse von Dietegen Müller

ID: 1697232
(ots) - Nicht nur das Finanzministerium in Berlin macht
sich Sorgen um den niedrigen Börsenwert von deutschen Banken. Auch
die Banken selbst zweifeln, wie wettbewerbsfähig sie eigentlich noch
sind. Seit Anfang 2018 haben die gelisteten europäischen Institute
fast ein Viertel ihres Wertes verloren, gemessen am Stoxx 600
Bankenindex. Und nach den dürftigen Zahlen großer europäischer
Adressen im vierten Quartal und insbesondere einigen unerwarteten
Ausrutschern im Bereich Investment Banking sind die Zweifel an einer
baldigen Erholung nicht kleiner geworden.

Vor einigen Wochen erklärte Jean Pierre Mustier, Vorstandschef von
Unicredit, dass die US-Banken die Schlacht um das Investment Banking
zumindest in der Beratung und Generierung von Neugeschäft gewonnen
hätten, dank eines strukturell profitableren Heimatmarktes. Deshalb
müssten sie sich auf Kredite an Privathaushalte und klein- und
mittelgroße Unternehmen beschränken.

Die Zweifel am europäischen Investment Banking sind nicht
grundlos. Im vierten Quartal waren die Erlöse in diesem Bereich auch
wegen der gestiegenen Volatilität an den Märkten unter Druck
gestanden. Kurskapriolen an den Märkten animieren Emittenten kaum,
aktiv zu werden, und eine sinkende Risikoneigung dämpft Investitionen
und Neuanlagen. Doch hat etwa die US-Großbank J.P. Morgan trotz
dieses Dämpfers insgesamt ein Rekordergebnis im vierten Quartal
vorgelegt.

In Europa sieht die Lage insgesamt weniger rosig aus, da die
Profitabilität in den nichtzyklischen Segmenten geringer ist. Und
allein im Handel haben BNP Paribas, Crédit Agricole, Natixis und
Société Générale im Jahresvergleich im vierten Quartal 2,1 Mrd. Euro
oder 37% weniger erlöst. Auch UBS verzeichnete im vierten Quartal
einen Erlösrückgang um 13% im Handel, während es im
Festverzinslichen-, Währungs- und Rohstoffgeschäft (FICC) immerhin


mit den Erlösen um 14% nach oben ging. In den Zahlenwerken finden
sich auch einige Überraschungen. So verbuchte Natixis 259 Mill. Euro
Verlust auf Derivategeschäfte in Asien - darin enthalten auch
entgangene Einnahmen. Dabei galt Natixis als besonders erfolgreich
im koreanischen Markt für strukturierte Produkte. Die Liste an
Innovationen, die Natixis in den koreanischen Markt gebracht habe,
sei lang, urteilte Risk.net im August 2018. Wenige Monate später hat
sich gezeigt, dass die Absicherungsgeschäfte auf komplex
strukturierte Zertifikate - sogenannte Autocallables, die sich auf
koreanische Aktien bezogen - wohl nicht so ausgestaltet waren, dass
sie die Bank in jeder Marktlage ausreichend vor Risiken und
Verlusten schützten.

Natixis ist mit den Problemen in außereuropäischen Märkten kein
Einzelfall. BNP Paribas wies einen Verlust von 80 Mill. Euro auf
Derivatgeschäfte im Zusammenhang mit dem US-Aktienmarkt aus. Société
Générale und Deutsche Bank verbuchten schwache Ergebnisse im Bereich
FICC. Credit Suisse schnitt quer durchs Band in den Bereichen FICC,
Handel und Banking - also M&A und Beratung - schwach ab, besonders
dürftig war das Ergebnis auch hier in Asien, was die Bank auf ein
ungünstiges Handelsumfeld zurückführte. Deutlich unter Buchwert

Für viele Investoren sind Banktitel in Europa nach wie vor ein
rotes Tuch. Zwar gibt es Anleger, welche die optisch niedrige
Bewertung des Sektors für ansprechend halten. Laut Bloomberg beträgt
das Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,7 und das Kurs-Gewinn-Verhältnis gut
10. Das niedrige Kurs-Buchwert-Verhältnis haftet der Branche
allerdings schon seit der Finanzkrise an. Es spiegelt die Zweifel, ob
die Banken ihre Kapitaldecke bewahren können.

Dass nun die laufenden Renditen an den Anleihemärkten wieder im
Sinkflug begriffen sind, lässt für die anämische Ergebnisentwicklung
vieler europäischer Banken wenig Gutes erahnen. Mängel im
Risikomanagement - wie das Beispiel von Natixis zeigt, das laut
Beobachtern kein Einzelfall sein dürfte - wecken zudem Bedenken, dass
die Institute ausreichend für ein schwieriges Marktumfeld vorgesorgt
haben.

(Börsen-Zeitung, 16.02.2019)



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