Warum Deutschland weniger Staat, Blumfeld und Juli braucht
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Spätestens seit den 1970er Jahren sei Deutschland ein extrem staatshöriges und auf Gleichheit fixiertes Land. "Man gilt ja schon als manchesterliberaler Bösewicht, wenn man einem Beamten seine Ruhezulage sozial abgefedert reduzieren will oder für einen öffentlich rechtlichen Rundfunk ohne Zwangsgebühren eintritt", so Moser. Die Folgen dieser staatszentrierten Politik sind nach Ansicht des Politikberaters allgegenwärtig. Obwohl die aktuelle Shell-Studie den jungen Deutschen in punkto Flexibilität, Motivation und Ausbildung ein gutes Zeugnis ausstelle, arbeite ein Grossteil der so gelobten für Bettellöhne, lebe in so genannter "permanenter Statusinkompetenz" oder hangele sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten.
"Deutschland, so abstrus das klingt, braucht zurzeit vor allem nicht-materialistische Überzeugungen und Debatten, um auch ökonomisch wieder mehr Impulse zu setzen", so der Autor, der auch einige kritische Anmerkungen zur Kampagne "Du bist Deutschland" macht: "Leider werden Werte meist nur als Optimierungstools für Ich-AGs begriffen und nicht als eine dem Gemeinwohl dienende Tugend. Selbst eine auf bürgerlichen Patriotismus abzielende Kampagne wie ‚Du bist Deutschland’ operiert nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Jeder positive Symbolbezug zur deutschen Geistesgeschichte und zu historisch wichtigen Orten wird penibel vermieden und durch überraschungsarm zusammengecastete Testimonials im Werbestil Olivieri Toscanis ersetzt. An dieser Kampagne zeigt sich auch, dass es eine neoliberale Hegemonie in Deutschland natürlich nicht gibt, einfach weil die sich selbst als liberal Bezeichnenden unfähig sind, sich eine Gesellschaft ausserhalb betriebswirtschaftlicher Kennzahlen vorzustellen.
Die FDP verschwendet etwa keinen Gedanken mehr an die Gesellschaft als solche. Publizisten wie Ulf Poschardt glauben, dass es originell ist, die Theoreme der Poplinken von vor zwanzig Jahre einfach auf den Kopf zu stellen. Aber das ist keine (neo-)liberale Position, sondern höchstens ein sich als Retrogarde-Schick tarnendes Plagiat. Die schwätzende Bassena-Postmoderne formuliert nicht einmal mehr eine geistige Reaktion, sondern nur formale Dopplungen und argumentative Nullsummen. Und wenn in Filmen wie ‚Das Wunder von Bern’ eine nationale Ikonografie mit Erzählmustern des klassischen US-Kinos nacherzählt wird, muss man konzedieren: Karaoke ist zwar ein sauberer Spass, wird sich aber international mit Ausnahme von DJ Ötzi kaum langfristig und mit steigender Rendite verkaufen. Wo liegt also der Ausweg für die Kulturnation Deutschland jenseits mythischen Nibelungengeraunes und anderer letztinstanzlicher Fragen?"
Moser fordert abschliessend: "Gebt Deutschland mehr Zivilisation und weniger Kultur. Mehr Pragmatismus, Nützlichkeitsdenken und Vertrauen in die Segnungen der modernen Technik. Baut Atomkraftwerke und beendet das narzisstische Leiden protestantisch-agnostischer Kleinbürger wie Blumfeld und Juli. Es gibt ein Leben nach dem Feinstaub. Macht Getting Paid zur Forderung an die Altvorderen und lebt es den Jungen als erstrebenswertes Ziel vor. Schafft positiv besetzte Rollenbilder und neue Erzählungen. Mit Techno und Clubkultur ist es ja zum ersten Mal im wiedervereinten Deutschland gelungen, gelebte Subsidiarität, Dezentralität und Entrepreneurship miteinander zu verbinden. Low Spirit, Kompakt, Basic Channel und Dial sind heute für Jugendliche aus aller Welt mythenumwobene Lebensentwürfe. Wenn jetzt deutscher Minimaltechno Bässe und frohsinnigen Synkopenfunk wiederfände, gibt es vielleicht bald das erste eigenständig liberale Musikgenre aus Deutschland: GERMAN BASS."
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Datum: 08.11.2005 - 15:59 Uhr
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