Heute um 16:05 Uhr im Ersten: "Kampf ums Geschlecht - Die verstoßenen Frauen des Sports" / Ein Film von Olga Sviridenko, Edmund Willison und Hajo Seppelt
ID: 1757405
Sperrfrist: 27.09.2019 10:00
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Die neue Dokumentation der ARD "Kampf ums Geschlecht - Die
verstoßenen Frauen des Sports" zeigt, welch enorm hohen Preis
Athletinnen im Namen von Gerechtigkeit und Chancengleichheit im
Spitzensport bezahlt haben. Es geht um hormonelle Eingriffe,
vollzogen aufgrund von Regularien von Weltverbänden, und um
mangelhafte Nachsorge: Dies hat bei ehemaligen
Weltklasse-Sportlerinnen zum Karriereende und zu massiven
gesundheitlichen Folgeschäden geführt. Die ehemalige Spitzenläuferin
Annet Negesa erhebt in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen Stephan
Bermon, den leitenden Arzt des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. In
mehreren Interviews mit der ARD-Dopingredaktion berichtet die
Athletin aus Uganda ausführlich über ihren Eindruck, dass man sie
über die weitreichenden Folgen des Eingriffs im Unklaren gelassen
habe.
Bei der 800-m-Spezialistin Negesa, die vor den Olympischen Spielen
2012 als Kandidatin für den Endlauf gehandelt wurde, waren kurz vor
den Wettkämpfen in London hohe natürliche Testosteronwerte
festgestellt worden. Die IAAF hatte sie daraufhin gesperrt. Um wieder
die Starterlaubnis zu erhalten, seien ihr in Absprache mit dem Arzt
Bermon im Rahmen einer sogenannten Gonadektomie die innenliegenden
Hoden entfernt worden, die die erhöhte Testosteronproduktion bewirkt
hatten.
Athletinnen sprechen erstmals über Operationen und mangelnde
Nachsorge
Neben Negesa spricht in der ARD eine weitere ehemalige
Spitzenathletin, die der gleichen Behandlung unterzogen wurde. Sie
möchte wegen möglicher Konsequenzen in ihrem Heimatland anonym
bleiben. Die beiden Frauen sind die weltweit ersten
Profi-Sportlerinnen, die über die schweren, einzig aufgrund von
Hormon-Vorgaben der internationalen Verbände vorgenommenen
Operationen öffentlich sprechen. In Uganda und zahlreichen weiteren
Ländern werden Frauen wie Annet Negesa angefeindet.
"Sie haben mir gesagt, es sei eine Art Injektion, sie würden mein
Testosteron herausziehen. Aber das ist nicht das, was sie gemacht
haben. Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich Schnitte", sagt Negesa.
Ebenso wie Negesa behauptet auch die andere Athletin, dass ihr die
Ärzte nur eine Operation als Option genannt habe, um weiter ihren
Sport betreiben zu dürfen: "Ich hatte keine Wahl." Wegen angeblich
vollkommen unzureichender medizinischer Nachsorge sowie körperlicher
und seelischer Schäden infolge der Eingriffe konnten beide
Athletinnen nach eigener Darstellung nie wieder Leistungssport
treiben. Dabei sei ihnen im Vorfeld der Gonadektomie, so berichteten
die Sportlerinnen, der Eingriff von den Ärzten als harmlos
beschrieben worden.
Die erhöhten Testosteronwerte waren bei Dopingtests aufgefallen.
Danach wurden die Sportlerinnen, die sich zuvor über die bei ihnen
vorliegende Geschlechtsvariation nicht im Klaren waren, mit dem
Sachverhalt konfrontiert.
Depressionen und Osteoporose
"Ich habe oft daran gedacht, mich umzubringen", sagte die
Athletin, die anonym bleiben will: "Sie haben mein Leben gestohlen,
meine Existenz. Einfach so haben sie meinen Traum weggenommen. Ich
wünschte, dass ich damals in ihren Händen gestorben wäre, weil man
sie dann zur Verantwortung gezogen und bestraft hätte." Die Athletin,
die die ARD zu einem deutschen Hormonspezialisten begleitet hat,
leidet heute aufgrund des jahrelangen Hormonmangels an Knochenschwund
(Osteoporose) sowie unter Depressionen.
Der französische Arzt Bermon ist Mitautor einer Hormon-Studie, die
von Kliniken in Nizza, Montpellier und Monaco durchgeführt wurde und
an der auch ein Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees
(IOC) als Berater beteiligt gewesen sein soll. "Vier jungen
Elitesportlerinnen", so heißt es in der Studie, sei "eine
Gonadektomie vorgeschlagen" worden. Mittelstreckenläuferin Negesa,
2011 Afrika-Meisterin über 800 m und Ugandas "Athletin des Jahres",
könnte eine davon gewesen sein.
Weltärztebund-Präsident übt scharfe Kritik
Frank Ulrich Montgomery, der Präsident des Weltärztebundes WMA,
kritisierte das Vorgehen. "Es handelt sich hierbei um Eingriffe, die
nicht medizinisch indiziert sind. Wenn diese Operationen
ausschließlich aus Gründen der sogenannten Fairness oder aus Gründen
der Anweisung der Sportverbände geschehen, halte ich das für höchst
problematisch", sagte Montgomery der ARD. Fairness allein sei "kein
Grund, in den Hormonhaushalt des Menschen einzugreifen. Man muss auch
mal die Risiken sehen, die dabei entstehen." Mit Blick auf die
Studie und die Operationen meint die britische Sportsoziologin
Payoshni Mitra, die auf die Betreuung von intersexuellen Athletinnen
spezialisiert ist: "Sie wurden behandelt wie Versuchskaninchen. Sie
waren Teil eines Experiments."
IAAF-Präsident Sebastian Coe bestreitet auf ARD-Anfrage, dass
Operationen ohne medizinische Indikation Bestandteil der
Regelumsetzung des Weltverbandes seien. Er betonte aber die
Notwendigkeit von Medikationen zur Senkung des Testosteronspiegels,
um Chancengleichheit zu gewährleisten. Ob Coe wusste, dass der
heutige IAAF-Chefarzt Bermon den Athletinnen eine Operation empfahl,
ist unklar. Bermon sei nach der Operation nicht mehr erreichbar
gewesen, sagt Negesa. Der Arzt reagierte auch auf mehrfache
ARD-Nachfragen nicht. Bermon gehörte schon zum Zeitpunkt der
Operation der medizinischen Kommission der IAAF an.
Unter anderem hatte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen
die Hormon-Regel der IAAF verurteilt. Der Internationale
Sport-Gerichtshof CAS und das Schweizer Bundesgericht wiederum hatten
zuletzt die hochumstrittene Regel, die einen Testosteron-Grenzwert
für Frauen vorsieht, nach einem Einspruch von Superstar Caster
Semenya (28) bestätigt und ebenfalls auf die Chancengleichheit
verwiesen - trotz internationaler Kritik. 800-m-Olympiasiegerin und
-Weltmeisterin Semenya aus Südafrika weigerte sich, ihren nach
IAAF-Definition zu hohen Testosteronspiegel medikamentös zu senken
und darf deshalb nicht mehr auf ihrer Spezialstrecke starten.
"Kampf ums Geschlecht - die verstoßenen Frauen des Sports" zeigt
Das Erste heute, am 27. September, im Rahmen der "Sportschau"-Sendung
ab 16:05 Uhr. Autoren der Dokumentation sind Olga Sviridenko, Edmund
Willison und Hajo Seppelt.
Pressekontakt:
Swantje Lemenkühler, ARD-Koordination Sport
Tel. 089/5900-23780, E-Mail: swantje.lemenkuehler@DasErste.de
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