NOZ: Konfliktforscher Zick: Der Antisemitismus wird "aktionsorientierter"
ID: 1761050
Halle: Deutsche Juden erleben ein massives Bedrohungspotenzial im
Alltag
Osnabrück. Für Konfliktforscher Andreas Zick kam die Tat von Halle
nicht überraschend, da die Forschung seit mehr als fünf Jahren eine
Radikalisierung in weiten Teilen der Gesellschaft beobachtet. "Der
Antisemitismus ist im Rechtsextremismus ein Kernelement. Wenn sich
die Szene radikalisiert und seit 2015 die Parole ausgibt, sich in den
Widerstand zu bewegen, dann war es zu erwarten, dass der
Antisemitismus als ein einigendes Element auch immer hasserfüllter
und aktionsorientierter wird", erklärte der Forscher gegenüber der
"Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Tat und der Ablauf zeigten, "wie
professionell die Radikalisierung verlaufen kann", so der der Leiter
des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an
der Universität Bielefeld: "Dazu gehörten Waffen- und
Uniformbeschaffung, die Produktion von Ideologien und Videos."
Bei Juden in Deutschland müsse man von einem "immensen
Bedrohungsgefühl" ausgehen, erläuterte Zick mit Verweis auf eine
Befragung von 500 jüdischen Menschen im Sommer 2016. "Viele Menschen
können sich nicht vorstellen, was jüdische Menschen im Alltag
erleben", fügte er hinzu. Für sie sei es nun wichtig, "sichtbare
Sicherheit und Solidarität" zu erleben. "Sie müssen sehen können,
dass der Antisemitismus nicht als Ausnahme, ungewünschte Abweichung
oder Krankheit beurteilt wird", betonte Zick.
Um Rechtsextremismus und Antisemitismus zu bekämpfen, sprach sich
Zick für eine Zusammenarbeit zwischen Politik und Forschung aus: "Ich
würde zu einer genauen Fallanalyse raten, die nicht nur kurz in
Behörden abläuft, sondern systematisch mit der Frage einhergeht, wie
jene, die präventiv agieren können, sich besser miteinander verbinden
können." Die Politik müsse Beratung und Begleitung einholen: "Dass es
ohne die Forschung nicht weitergeht, sollte allen klar sein."
+++ golt
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Datum: 11.10.2019 - 01:00 Uhr
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