Lebensmittelhändler und Drogerien beleben den Flächenumsatz / Einzelhandel nutzt Pandemie, um Konzepte und neue Vertriebsmodelle zu prüfen
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Dirk Wichner, Head of Retail Leasing JLL Germany: "Dieses Jahresergebnis läge in etwa auf dem Niveau direkt nach der Finanzkrise 2008/09. Der historische Vergleich macht aber auch Mut, denn der Markt hat damals bewiesen, wie schnell er sich wieder erholen kann. Bereits im zweiten Jahr nach der Finanzkrise stieg der Einzelhandelsumsatz wieder merklich an und erreichte 2011 ein Rekordergebnis."
Die Pandemie sorgt eher für Bewegung statt für Stillstand im Handel. Viele Unternehmen haben damit begonnen, ihre Click & Collect Angebote zu optimieren, bestehenden Filialnetze genau zu analysieren und sich, wo es sinnvoll ist, auf neue Ladenformate mit optimierten Flächen zu konzentrieren. Auch Drive-In-Varianten werden mittlerweile geprüft, die in Frankreich, Großbritannien und den USA bereits getestet werden.
Der Handel selbst steuert nach Verbandsprognosen auf ein solides Umsatzwachstum von rund 1,5 Prozent für das Gesamtjahr 2020 zu. "Allerdings ist eine deutliche Verschiebung der Umsätze vom stationären Handel hin zum Onlinehandel zu verbuchen. Omni-Channel-Strategien sichern auch in der jetzigen Phase den Umsatz für die Händler. Stationär hat vor allem derjenige gute Karten, der die Sinne anspricht sowie Kauferlebnis bietet, zugleich aber auch über eine attraktive Onlineplattform präsent ist", analysiert Wichner.
In den ersten drei Quartalen 2020 hat sich der Anteil der Big 10 (95.400 m²) am Gesamtvolumen bei rund einem Drittel eingependelt. Es ist zudem fast allen Metropolen gelungen, ihre Einzelergebnisse zu verbessern. Insbesondere Berlin (24.200 m²), Leipzig (6.100 m²) und Stuttgart (4.600 m²) konnten Boden gutmachen. Düsseldorf (18.300 m²) hat bereits jetzt sein Vorjahresgesamtergebnis übertroffen.
Ein wichtiger Impuls kommt von internationalen Händlern, die deutsche Einkaufsmetropolen weiterhin als attraktives Expansionsziel bewerten. Zu den neuen Akteuren auf dem deutschen Markt, mit erstmals stationären Geschäften, zählen die kanadische Outdoor-Marke Canada Goose, der italienische Designmöbelanbieter Calligari und die spanische Modemarke Loewe.
Im Gegensatz dazu sorgte unter anderem die Schließung der Galeria Karstadt Kaufhof- und Karstadt Sports Filialen für einen spürbaren Anstieg der Verfügbarkeitsquote nach Fläche in den neun wichtigsten Einzelhandelsstandorten Deutschlands. Die Quote, die anzeigt, welche Flächen in der Top-1a-Lage über die kommenden 18 Monate hinaus noch nicht vergeben sind, sich im Umbau befinden oder real leer stehen, hatte seit Einführung 2018 konstant bei rund sieben Prozent gelegen. Nun hat sie sich auf etwa 14 Prozent verdoppelt. "Insbesondere der Anteil von 23 Prozent an der verfügbaren Fläche durch die Kategorie Warenhäuser zeigt die Signifikanz der Galeria Karstadt Kaufhof Schließungen. Dieses Segment hatte in den vergangenen Jahren so gut wie keine Rolle gespielt", vergleicht Wichner.
Treiber des Vermietungsmarktes war erneut die Sparte Gastronomie/Food mit gut 95.000 m² innerhalb der ersten neun Monate. Dies entspricht einem 35 Prozent Anteil am Gesamtflächenumsatz und geht zu zwei Dritteln auf das Konto der Lebensmittelanbieter. Allein Aldi steuerte ein Dutzend Anmietungen bei. Neben den Discountern und Supermärkten sind sämtliche Akteure in diesem Segment expansiv - von Biomärkten bis hin zu Unverpackt-Läden. Gleiches gilt auch für die Gastronomen, trotz der Coronakrise und den daraus resultierenden Einschränkungen hat hier die Expansion wieder Fahrt aufgenommen. Neben Systemgastronomen wie Peter Pane oder Frittenwerk versuchen auch verstärkt lokale Café- und Restaurantbetreiber, in den Innenstadtlagen Fuß zu fassen.
Der Textilbranche mit 24 Prozent und rund 68.000 m² bleibt nur der zweite Rang. Die Einschränkungen infolge der Pandemie haben zu einem Überangebot an Textilien in den stationären Geschäften geführt, was die Expansionslust bremst. Hinzu kommen die allgemeine Kaufzurückhaltung der Verbraucher und ausbleibende Shopping-Touristen. Neue Flächen mieteten die Textildiscounter Ernsting's Family (7) und Kik (3) an, für den Young Fashion Bereich kündigte das Streetwearlabel Kult drei weitere Shops an.
Die Gesundheit/Beauty-Branche ist weiterhin Stammgast im Führungstrio mit konstanten Werten zwischen 15 und 18 Prozent. Die Drogeriemarktketten dm, Müller und Rossmann bestreiten hier fast 50 Prozent des Flächenumsatzes, die zum größten Teil in innerstädtischen Shopping-Centern angemietet wurden.
Auf die Spitzenmieten in den Topstädten wirkt sich die Pandemie derweil nicht aus - sie bleiben auf stabilem Niveau. Für die 175 weiteren untersuchten Städte außerhalb der Big 10 gaben die Mieten im Durchschnitt seit Jahresbeginn um etwa zwei Prozent nach. "Wie sich die Mietpreise zum Jahresende hin entwickeln werden, hängt stark davon ab, ob der Einzelhandel sich weiter erholen kann und so die befürchteten Leerstände in den Innenstadtlagen vermieden werden können", differenziert Dirk Wichner.
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Datum: 28.10.2020 - 08:45 Uhr
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