Deutschland scheut das Risiko - auf Kosten der Gesundheit
ID: 1884553
Von Sven Dröge und Kaveh Kooroshy
Recherchen des ARD-Mittagsmagazin haben ergeben, dass das Risikokapital für die Medikamentenentwicklung in Deutschland knapp ist. Das geht aus einer Sonderauswertung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft "Ernst&Young" (EY) für das ARD-Mittagsmagazin hervor. Demnach holt Deutschland bei Investitionen von Risikokapital in die Biotech-Branche zwar auf, doch im internationalen Vergleich ist das Investitionsvolumen noch immer gering.
Risikokapital als Mangelware
Gerade zu Zeiten von Corona ist fehlendes Risikokapital für die hiesige Medikamentenforschung ein folgenschweres Hindernis. Kleine und mittelständische Unternehmen aus der Biotech-Branche können ohne finanzielle Hilfe keine Medikamentenentwicklung betreiben. Das kann dazu führen, dass wichtige Corona-Therapeutika fehlen.
Zwar hat sich das in Deutschland investierte Risikokapital seit 2016 von 213 Millionen Euro auf 882 Millionen Euro mehr als vervierfacht. Die Summe ist aber im internationalen Vergleich dennoch gering. Die viel kleinere Schweiz investierte 2020 umgerechnet rund 820 Millionen Euro, Großbritannien sogar rund drei Milliarden Euro, wie aus einer Erhebung des Schweizer Gesundheitssektor-Fonds HBM hervorgeht.
Im Vergleich zu den USA ist das aber noch immer wenig: Die US-Amerikaner investierten 2020umgerechnet mehr als zwölf Milliarden Euro in Biotech-Firmen und damit viermal mehr als alle europäischen Staaten zusammen.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie teilt dazu mit, dass es "mit verschiedenen Förderprogrammen bereits jetzt eine maßgeschneiderte Unterstützung für Start-ups in den verschiedenen Wachstumsphasen" biete. Außerdem seien "die bestehenden Programme" mit einem Volumen "von insgesamt rund 9 Mrd. Euro ausgestattet." Aus diesem Investitionsvolumen würden derzeit noch rund 4,5 Mrd. Euro für neue Investitionen in den nächsten Jahren zur Verfügung stehen.
Wenn Deutschland nicht Anreize zur Risikofinanzierung schaffe, seien "die Folgen relativ klar", urteilt Thomas Sattelberger, FDP, Mitglied im Bundestagsforschungsausschuss. "Impfstoffentwicklung, Antibiotikaentwicklung, Medikamentenentwicklung finden außerhalb Deutschlands statt. Start-Ups, die hier entstehen und sich damit beschäftigen, bekommen Wagniskapital, aber überwiegend dann, wenn sie nach Boston oder generell an die Ostküste gehen oder in die Schweiz. Das heißt, wir haben dann auch eine Flucht der Start-Ups aus diesem Lande."
Investitionen sind dringend nötig
Aus Sicht von Branchenverbänden und Experten sind die Investitionen in Deutschland aber dringend nötig, wenn das Land im internationalen Wettbewerb eine Rolle spielen möchte. Alexander Nuyke von EY kritisiert das Fehlen eines in der Breite funktionierenden Kapitalökosystems: "Es braucht in Deutschland bessere Rahmenbedingungen zur Eigenkapitalmobilisierung, etwa über steuerliche Vorteile für Risikokapital." Darüber hinaus wären mehr Gründerzentren und Plattformen dringend notwendig, die Wissenschaft und Unternehmen miteinander verbinden und für eine schnellere Umsetzung von Ideen aus der Forschung in marktfähige Produkte sorgen, so der Experte.
Die Investitionen sind in der Medikamentenforschung ein wichtiger Faktor. Für die Zulassung von Medikamenten sind umfangreiche Tests notwendig, bis zur Marktreife kann die Entwicklung mehrere hundert Millionen Euro kosten. Ob das Medikament tatsächlich zugelassen wird und die Investition sich auszahlt, ist aber nicht sicher. Die Firmen aber brauchen Risikokapital.
Versäumnisse in verschiedenen Bereichen
In einer früheren Recherche des rbb konnte gezeigt werden, dass es eine Diskrepanz zwischen Medikamentenförderung und Impfstoffförderung seitens des Bundesforschungsministeriums gibt. Während für die Impfstoffe rund eine Milliarde Euro an Förderung bereitgestellt wurde, gab es für die Medikamentenentwicklung gerade mal 17,5 Millionen Euro. Nun kommt offenbar hinzu, dass auch die Förderung und womöglich Bereitstellung von Risikokapital vernachlässigt wurde.
Staaten wie die USA hingegen, versuchen, die Bedingungen für das Risikokapital günstig zu gestalten, etwa durch Steuererleichterungen. Und die Schweiz hatte kürzlich entschieden, dass Pensionskassen ein Promille der neu eingezahlten Beiträge als Risikokapital anlegen sollen. Dadurch könnten jedes Jahr bis zu 900 Millionen Euro zusammenkommen.
Scheitert die Entwicklung eines Medikaments, zahlt sich die Investition nicht aus. Gelingt sie dagegen, kann häufig mit hohen Renditen gerechnet werden. Noch wichtiger für Länder ist aber die Technologie-Führerschaft, denn diese sichert nicht nur Arbeitsplätze, sondern kann auch weitere Innovationen nach sich ziehen.
www.mittagsmagazin.de
https://www.youtube.com/user/ARDMittagsmagazin (https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fuser%2FARDMittagsmagazin&data=04%7C01%7Csven.droege%40rbb-online.de%7C7f7d9caa66c74a81f9ff08d8cc35ba66%7Cef042fabe3124d51aaed5bac7b4c33cc%7C0%7C0%7C637483878426963714%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C1000&sdata=eBOX9HGlFtLGSXtLpLoLxl32Xkup3dQGEmkPhs2KVWg%3D&reserved=0)
Pressekontakt:
Rundfunk Berlin-Brandenburg
ARD-Mittagsmagazin
Ansprechpartner:: Kerstin Dausend (030 97993 55527)
mima@rbb-online.de
www.mittagsmagazin.de
Original-Content von: rbb - Rundfunk Berlin-Brandenburg, übermittelt durch news aktuell
Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 26.02.2021 - 16:23 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1884553
Anzahl Zeichen: 5971
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Berlin
Kategorie:
Forschung und Entwicklung
Diese Pressemitteilung wurde bisher 858 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Deutschland scheut das Risiko - auf Kosten der Gesundheit"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
rbb - Rundfunk Berlin-Brandenburg (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Die Brandenburger Wirtschafts- und Energieministerin Martina Klement (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, den Tankrabatt zu verlängern. Klement sagte am Mittwoch im rbb24 Inforadio, "wenn wir tatsächlich den Tankrabatt verlängern könnten, wäre das sicherlich hilfreich". Er gilt noch b
Drehschluss für neuen "Polizeiruf 110: Stalker" von rbb und ARD Degeto ...
Am 12. Mai endeten die Dreharbeiten für den neuen "Polizeiruf 110: Stalker" des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und der ARD Degeto Film. Gedreht wurde seit dem 10. April u.a. in Frankfurt (Oder), Slubice und Berlin. Regie führte Oliver Schmitz, das Drehbuch schrieb Mike Bäuml. Zum In
rbb24 BRANDENBURG und rbb24 BERLIN: Der rbb stärkt regionale Live-Berichterstattung ...
Mehr Berlin, mehr Brandenburg, mehr regionale Information. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) startet am Dienstag, 26. Mai 2026 zwei neue Live-Sendungen im rbb Fernsehen: rbb24 BERLIN und rbb24 BRANDENBURG bieten jeweils 30 Minuten Nachrichten, einmal für Berlin und einmal für Brandenburg - mon
Weitere Mitteilungen von rbb - Rundfunk Berlin-Brandenburg
TECNARO EU Projekt - SWEETWOODS Bioraffinerie produziert erste Tonnen hochreines Lignin ...
Das EU Projekt SWEETWOODS hat seine ersten Meilensteine erreicht. Es stehen Proben von hochreinem Lignin und Holzzucker im Tonnenmaßstab zur Verfügung. Im Rahmen des von Bio-Based Industries Joint Undertaking (BBI JU) geförderten SWEETWOODS-Projektes zur Holzverwertung können ab sofort sowohl ho
Tag der seltenen Erkrankungen 2021 / PTC Therapeutics Deutschland engagiert sich mit intensiver Forschung und Aufklärung für Patienten mit seltenen Erkrankungen ...
Es ist kaum zu glauben, dass durchschnittlich sechs bis acht Jahre vergehen, bis Menschen mit einer seltenen Erkrankung die richtige Diagnose und damit Zugang zu einer angemessenen Therapie erhalten.[1] Bis dahin suchen sie typischerweise mehr als sieben Ärzte auf und rund 40 % der Patienten erhalt
Genealogie im Trend: Laut Ancestry-Studie hat die Hälfte der Generation Z Interesse an eigener Familiengeschichte ...
- 57 Prozent der Generation Z (Jahrgänge 1994 bis 2001) würden sich gerne mit ihren Urgroßeltern unterhalten - Auch bestärkt 54 Prozent der Millennials (Jahrgänge 1980 bis 1993) das Wissen um das Schicksal der Familienangehörigen, eigene Herausforderungen zu meistern - Verstehen der eig
SPRACHSPIELE: FACHSPRACHE WIRTSCHAFT DAF - Ein universitäres Experiment ...
Dieses neue Buch beschreibt ein Experiment auf universitärer Ebene. Die Autorin arbeitet als Vertragsprofessorin an der Università degli Studi di Milano und stellt den Lesern ihre zweijährige Arbeit bei der Durchführung eines Masterlehrgangs zum Thema Fachsprache Wirtschaft DaF vor. Sie erhalte




