Berliner Morgenpost: Doch kein Friedenskanzler / Leitartikel von Christian Kerl
ID: 2112158

(ots) - Die Überraschung ist dem Bundeskanzler gelungen. Der Nato-Gipfel hatte kaum begonnen, da zündete Olaf Scholz zusammen mit US-Präsident Joe Biden eine sicherheitspolitische Bombe. In Deutschland werden wieder amerikanische Waffensysteme stationiert, die Ziele tief in Russland erreichen können: Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, Luftabwehrraketen - und bald auch modernste Hyperschallwaffen.
Mehr noch als jede Gipfelerklärung macht die in aller Stille vorbereitete Aufrüstung klar, wie ernst die Lage eingeschätzt wird: Aus Sicht von Nato-Militärs ist nicht mehr gänzlich auszuschließen, dass Russlands Präsident Putin auf seinem hyperaggressiven Kurs auch das Risiko einer direkten Konfrontation mit der westlichen Allianz eingeht - in der Erwartung, dass die Europäer nachgeben, weil sie die Eskalation zum Atomkrieg fürchten.
Es geht auch in den verwegensten Planspielen nicht um eine russische Invasion in Deutschland, eher um Provokationen etwa im Baltikum, mit denen Putin die Entschlossenheit der Nato testen würde - anfangs vielleicht mit hybriden Cyberattacken und Angriffen auf sensible Infrastruktur, später mit Soldaten. Dass es so kommt, gilt nach wie vor als unwahrscheinlich. Aktuell ist die Nato sowieso gut gerüstet, konventionell ist das Bündnis in Europa den Russen bislang überlegen. Doch sind Militärs alarmiert vom Tempo, mit dem Russland mitten im Krieg weiter aufrüstet. Auf dieser Basis Bedrohungsszenarien durchzuspielen heißt vorzusorgen für den Worst Case, für den indes schon sehr viel schiefgehen müsste.
Die Abschreckung hat über 75 Jahre lang gut funktioniert. Gerade damit es so bleibt, sendet die Allianz ein Signal der Stärke an Putin - um bei ihm jeden Zweifel an der Verteidigungsbereitschaft Europas im Keim zu ersticken. Russland, das ist die Ansage an Moskau, wird sich nicht durchsetzen - nicht in der Ukraine und nicht anderswo auf dem Kontinent. Scholz wollte wohl auch rechtzeitig vor einem möglichen Wechsel im Weißen Haus eine Garantie, dass die USA zu ihren Bündnisverpflichtungen stehen.
Das deutsch-amerikanische Muskelspiel ist nicht ohne Risiko. Auch wenn Russland schon seit Jahren Mittelstreckenraketen gegen europäische Ziele richtet - aus Kremlsicht könnte sich der Aufrüstungsbeschluss nicht als Abschreckung, sondern als Bedrohung darstellen. Zumal die Tomahawks mit Atomsprengköpfen ausgestattet werden können.
Die Gefahr, dass Scholz und Biden ungewollt ein neues Wettrüsten in Europa befeuern, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass es so gut ausgeht wie in den 1980er-Jahren, als die marode Sowjetunion wegen der westlichen Atomraketennachrüstung einlenken musste, ist nicht gesagt - anders als damals fehlt es derzeit beiden Seiten an Gesprächsbereitschaft. Umso verwunderlicher, dass der Kanzler die Bürger, ja die eigene Koalition mit diesem brisanten Aufrüstungsbeschluss ohne öffentliche Diskussion vor vollendete Tatsachen stellt.
Eben noch schien es, als wollte sich Scholz als Friedenskanzler inszenieren, jetzt könnte er zum Kanzler des Kalten Krieges werden, als Sozialdemokrat eher bei Helmut Schmidt als bei Willy Brandt. Man darf gespannt sein, ob seine SPD ihm auf diesem Weg folgt. Ebenso spannend ist die Frage, ob ein möglicher US-Präsident Trump den Aufrüstungsbeschluss nicht wieder rückgängig macht. In diesen verrückten Zeiten könnten friedensbewegte Sozialdemokraten am Ende in Trump ihren großen Hoffnungsträger sehen.
Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST
Telefon: 030/887277 - 878
bmcvd@morgenpost.de
Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuellWeitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 11.07.2024 - 19:15 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 2112158
Anzahl Zeichen: 3753
Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: ots
Stadt:
Berlin
Kategorie:
Politik & Gesellschaft
Diese Pressemitteilung wurde bisher 298 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Berliner Morgenpost: Doch kein Friedenskanzler / Leitartikel von Christian Kerl"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
BERLINER MORGENPOST (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Die "Berliner Morgenpost" veröffentlicht folgende Information: +++ sofort frei zur Veröffentlichung bei Quellenangabe +++ Mehrheit der Berliner will nicht mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben Berlin - Die meisten Berlinerinnen und Berliner wollen dieses Jahr Geschenke unter den
"Berliner Morgenpost": Mehrheit der Berliner will nicht mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben ...
Die "Berliner Morgenpost" veröffentlicht folgende Information: +++ sofort frei zur Veröffentlichung bei Quellenangabe +++ Mehrheit der Berliner will nicht mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben Berlin - Die meisten Berlinerinnen und Berliner wollen dieses Jahr Geschenke unter den
"Berliner Morgenpost": Mehrheit der Berliner will nicht mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben ...
Die "Berliner Morgenpost" veröffentlicht folgende Information: +++ sofort frei zur Veröffentlichung bei Quellenangabe +++ Mehrheit der Berliner will nicht mehr Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben Berlin - Die meisten Berlinerinnen und Berliner wollen dieses Jahr Geschenke unter den
Weitere Mitteilungen von BERLINER MORGENPOST
Berliner Morgenpost: Signalwirkung ist fatal / Kommentar von Peter Schink zu Forderungen der Rentenversicherung ...
Wollte man Deutschlands Probleme in exemplarischen Beispielen erzählen, dann wäre das eines: Die Deutsche Rentenversicherung hält dem Land Berlin vor, die Assistenten der Corona-Impfteams seien 2020 alle scheinselbstständig gewesen. Sie müssen jetzt nachträglich versichert werden: Krankenkasse
Habeck von Baerbock "nicht überrascht" / Wirtschaftsminister sieht sich noch nicht als Kanzlerkandidat ...
Grünen-Vizekanzler Robert Habeck war in die Pläne seiner Parteikollegin, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock eingeweiht, wonach diese nicht erneut als Kanzlerkandidatin der Grünen antreten will. Auf die Frage, ob ihn die Ankündigung Baerbocks überrascht habe, antwortete Habeck am Donnersta
Habeck zu Nato und Ukraine: Wir dürfen nicht nur in Kriegsszenarien denken / "Arbeit muss auf Frieden ausgerichtet sein" / Auch über Abrüstung sprechen ...
Vizekanzler Robert Habeck ruft zu neuen diplomatischen Bemühungen auf, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. "Wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, in Kriegsszenarien zu denken. Die Arbeit muss auf den Frieden gerichtet sein", sagt der Grünen-Politiker gegenüber der in Bielefeld ers
"nd.DerTag": Der alte Wahnsinn von vorn - Kommentar zur angekündigten Stationierung von US-Langstreckenraketen in Deutschland ...
Es gab eine Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, als die Welt hoffen durfte. Ost und West waren aufeinander zugegangen, inspiriert von Michail Gorbatschow, um die absurd aufgeblähten Waffenarsenale zu reduzieren. Das scheint eine Ewigkeit her zu sein. Inzwischen sind fast alle Abrüstungs-




