Deutsche Aidshilfe zu Drogentodesfällen: Endlich alle wirksamen Maßnahmen einsetzen!
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(ots) - Fachverbände legen Maßnahmenplan mit fünf Interventionen vor - jetzt ist die Politik in Bund, Ländern und Kommunen gefragt.
Die Zahl der drogenbedingten Todesfälle bleibt weiter auf hohem Niveau. Im Jahr 2024 sind 2.137 Menschen an den Folgen von Substanzen vom Schwarzmarkt gestorben. Das hat heute der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, bei einem Vor-Ort-Termin Berliner Urban-Krankenhaus bekanntgegeben.
Die Zahl der drogenbedingten Fälle ist damit nach jahrelangem Anstieg nur geringfügig zurückgegangen. Dazu erklärte Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe, beim Termin mit dem Bundesdrogenbeauftragten:
"Es ist unerträglich, dass noch immer jedes Jahr so viele Menschen sterben, die überleben könnten. Die Zahl der Drogentodesfälle könnte und müsste deutlich geringer sein. Noch immer werden in Deutschland nachweislich wirksame Maßnahmen aus politischen Gründen nicht oder nicht ausreichend eingesetzt. Das können wir uns angesichts einer Verschärfung der Situation in den Drogenszenen erst recht nicht mehr leisten."
Synthetische Opioide und Mischkonsum nehmen zu
Die Situation wird immer stärker geprägt von neuen Substanzen und Mischkonsum. So geht einerseits noch immer mehr als die Hälfte der Fälle auf Heroin und andere Opioide zurück. Dabei drängen in verschiedenen Formen hoch potente synthetische Opioide auf den Markt, darunter Fentanyl und Nitazene, die kaum sicher zu dosieren sind. Synthetische Opioide trugen im letzten Jahr mit 342 Fällen zu rund 16 Prozent der Todesfälle bei.
Der verstärkte Konsum von Crack (beziehungsweise der Ausgangsstoff Kokain) spielte bereits bei rund 700 Todesfällen eine Rolle.
Maßnahmenplan der Fachverbände
Fachverbände aus dem Drogenbereich haben heute gemeinsam einen Maßnahmenplan mit nachweislich wirksamen Interventionen vorgestellt, die die Zahl der Todesfälle erheblich senken könnten:
1. Kommunale Frühwarnsysteme würden erlauben, Trends und Veränderungen im Markt frühzeitig zu erkennen und gezielt zu reagieren - zum Beispiel mit Blick auf Fentanyl und andere synthetische Opioide, die zurzeit auf den Markt drängen.
2. Drugchecking erlaubt es, Substanzen auf Reinheit und gefährliche Inhaltsstoffe zu überprüfen. So können Überdosierungen, Todesfälle und schwere gesundheitliche Schäden vermieden werden. Der Bund hat die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, die Länder müssen sie nun aufgreifen, die Kommunen entsprechende Angebote ermöglichen.
3. Drogenkonsumräume bieten eine sichere Umgebung, in der Menschen unter medizinischer Aufsicht und mit sterilen Utensilien konsumieren können. Sie verhindern Todesfälle und Infektionen und vermitteln in Hilfsangebote. Einige Bundesländer erlauben diese Einrichtungen nicht, in anderen bräuchte es mehr Kapazitäten und längere Öffnungszeiten.
4. Das Notfallmedikament Naloxon muss flächendeckend verfügbar gemacht, Schulungen zum Umgang damit müssen ausgebaut werden. Das Nasenspray rettet bei Opioidüberdosierungen häufig Leben, steht aber vielen Berufsgruppen wie Mitarbeiter*innen in Aids- und Drogenhilfen, Polizei und Streetworkern nicht zur Verfügung.
5. Substitutionstherapie, also die Behandlung der Abhängigkeit mit Ersatzmitteln wie Methadon, reduziert die Mortalität und ermöglicht Drogenkonsument*innen einen Ausstieg aus Kriminalität und Konsum. Das Potenzial ist mit etwa 81.000 Behandelten in Deutschland bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Diese Maßnahmen müssen flächendeckend und in ausreichender Kapazität zur Verfügung stehen: "Der Schutz des Lebens und vor Infektionen wie HIV oder Hepatitis C darf nicht vom Wohnort abhängen", betont Dirk Schäffer.
Bisher gibt es zum Beispiel in Bayern und sieben anderen Bundesländern noch keine Drogenkonsumräume, wobei Schleswig-Holstein und Sachsen bereits auf dem Weg sind. Drugchecking wird nur in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angeboten. Hamburg und Nordrhein-Westfalen gehen nun ebenfalls mit gutem Beispiel voran: Die Länder haben in der letzten Woche Rechtsverordnungen angekündigt, die Drugchecking möglich machen.
Drogenkonsumräume entlasten Notaufnahmen
Beim Vor-Ort-Termin im Urban-Krankenhaus wurde auch deutlich, wie stark die zunehmende Zahl der Drogennotfälle Notaufnahmen belastet. Dazu Dirk Schäffer:
"Alle Maßnahmen, die gegen Überdosierungen und Todesfälle helfen, entlasten auch Notaufnahmen. Drugchecking verhindert Überdosierungen und anderen Vergiftungen. Gut aufgeklärte Konsumierende sowie Substituierte geraden seltener in lebensbedrohliche Situationen. Und wenn ein Drogennotfall im Drogenkonsumraum fachkundig versorgt wird, ist oft keine Fahrt ins Krankenhaus mehr notwendig."
Weitere Informationen:
Maßnahmenplan der Fachverbände akzept e.V., Deutsche Aidshilfe, Gesellschaft für Suchtmedizin, Fachverband Drogen- & Suchthilfe und dem JES Bundesverband (https://www.aidshilfe.de/system/files/document/Ma%C3%9Fnahmenplan%20zur%20Senkung%20drogenbedingter%20Todesf%C3%A4lle.pdf)
Kooperationsprojekt so-par zur Vorbereitung auf Fentanyl (https://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/staedte-bereiten-sich-auf-synthetische-opioide-vor)
Informationen zu Drogenkonsumräumen (https://www.aidshilfe.de/drogen/drogenkonsumraeume)
Informationen zu Naloxon (https://www.naloxontraining.de/)
Pressekontakt:
Deutsche Aidshilfe
Holger Wicht - Pressesprecher
Tel. (030) 69 00 87 - 16
presse@dah.aidshilfe.de
www.aidshilfe.de
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Datum: 07.07.2025 - 12:17 Uhr
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