Recherche von BR und KONTRASTE: Lust am Quälen? JVA-Skandal Gablingen erhält durch erschütternde Chats neue Dimension / Frühere Bundesjustizministerin spricht vom "größten JVA-Skandal der BRD"
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(ots) - Neue Recherchen des BR und des ARD-Politmagazins KONTRASTE zur JVA Gablingen zeichnen ein System, das in einer deutschen Justizvollzugsanstalt unvorstellbar erscheint. Häftlinge seien laut Chatnachrichten der Bediensteten "zerstört" worden, JVA-Wärter sollen sich an Misshandlungen erfreut haben. Das geht aus Chatnachrichten hervor, die BR und KONTRASTE exklusiv vorliegen. Der BR und das ARD-Politmagazin berichten über das Thema ab Donnerstag, 28. Mai im Fernsehen, im Radio und online.
In den Chatnachrichten, die dem BR und KONTRASTE exklusiv vorliegen, ist nach mutmaßlichen Übergriffen auf Gefangene von "Spaß" oder einem "geilen Tag" die Rede. Laut den Ermittlungsbehörden sollen sie von Wärtern der JVA Gablingen verfasst worden sein. Demnach räumt die frühere Gablinger Vizechefin in einer Chatnachricht, die dem BR und KONTRASTE ebenfalls vorliegt, sogar ein, dass sie selbst und JVA-Beamte der sogenannten Sicherungsgruppe (SIG) "rechtswidrig" gehandelt haben sollen. Gefangene sollen gedemütigt und misshandelt worden sein - systematisch und teils vorsätzlich. Sogar vor kranken oder verletzten Gefangenen sollen SIG-Beamte nicht Halt gemacht haben.
Demütigungen und massive Gewalt-Vorwürfe
Ein psychisch schwer kranker Mann, der laut einer Gefängnismedizinerin dringend menschlichen Kontakt benötigt hätte, habe zunächst in eine Einzelzelle verlegt werden sollen. Nach einer weiteren Panikattacke soll er dann sogar nackt in einer völlig leeren Spezialzelle isoliert worden sein - dem sogenannten "besonders gesicherten Haftraum" (bgH).
Bei einem anderen verletzten Gefangenen soll ein Wärter über eine Stunde an dessen Bett gerüttelt haben, damit der Häftling nicht zur Ruhe kommen konnte. Häftlinge sollen nach Erkenntnissen der Ermittler gewürgt worden sein, seien mit Faustschlägen ins Gesicht und Tritten in den Brustkorb traktiert worden, teils mit dem Schlagstock. In einem Fall sollen dem Gefangenen zuvor die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt worden sein. Die damalige Vizechefin soll bei den Übergriffen teils selbst zugegen gewesen sein.
Zusätzlich sollen Gefangene gedemütigt worden sein: Ein Häftling habe nach BR- und KONTRASTE-Informationen komplett nackt vor SIG-Beamten Kniebeugen machen müssen. Ein anderer sei von der Vizechefin aufgefordert worden, sich bei der SIG für einen Übergriff zu bedanken.
Chat-Nachricht: "Immer den Hals abdrücken"
Nach den vorliegenden Informationen sollen Bedienstete vorsätzlich gehandelt haben. Ein Wärter ist dabei, als Teile der Gablinger SIG nach Neuburg a.d. Donau fahren, um in dem dortigen Jugendgefängnis eine Drogenrazzia zu unterstützen. In einem Chat soll er angegeben haben, kein großes Interesse am Aufspüren der Drogen zu haben. Stattdessen wolle er nur "einen wegrupfen", heißt es sechs Sekunden später. Dem BR und KONTRASTE liegen entsprechende Protokolle vor. Nach dem Einsatz schreibt der SIG-Beamte dann laut Ermittlungsbehörden, er habe Gefangene "herumgeworfen" und "abgewürgt". Häftlinge hätten nun Schmerzen. "Immer den Hals abdrücken", heißt es an anderer Stelle an die damalige Vizechefin.
Die stellvertretende JVA-Leiterin soll selbst keine Gefangenen körperlich attackiert haben. Trotzdem wird sie als Mittäterin beschuldigt, weil sie Übergriffe von SIG-Bediensteten auf Gefangene gebilligt und dann gedeckt haben soll. JVA-Personal, das die Übergriffe womöglich missbilligt hätte, sei von der Vizechefin versetzt oder weggeschickt worden, teils mit den Worten "husch, husch".
Ex-Bundesjustizministerin: massivste Grundrechtsverletzungen stehen im Raum
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht von "Abgründen, die sich da auftun". Würde sich der Verdacht bestätigen, wäre das für die frühere Bundesjustizministerin ein Fall massivster Grundrechtsverletzungen: "Das ist wirklich der größte Skandal in einer Justizvollzuganstalt seit wir die Bundesrepublik Deutschland haben", so Leutheusser-Schnarrenberger.
Bei den Misshandlungen selbst sollen die SIG-Bedienstete darauf geachtet haben, dass keine Zeugen zugegen sind. Anderem JVA-Personal sei die Sicht verstellt worden, oder Übergriffe seien bewusst in Räumen geschehen, in denen es keine Kamera-Überwachung gab - etwa Aufzügen, wo SIG-Beamte den Kopf eines Häftlings gegen die Wand geschlagen haben sollen. Ein Häftling soll sogar durch Gewalt dazu gebracht worden sein, eine Beschwerde gegen die JVA zurückzuziehen.
Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat inzwischen gegen 13 damalige Bedienstete der JVA Gablingen Anklage erhoben - unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt. Die Anklage richtet sich auch gegen die frühere Leiterin der JVA Gablingen und ihre damalige Stellvertreterin. Deren Anwälte haben sich auf Anfragen nicht geäußert. In früheren Schreiben haben die Anwälte der Vizechefin aber stets betont, dass die Vizechefin rechtmäßig gehandelt habe. Für alle Beschuldigen gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.
Berichterstattung:
Der BR und KONTRASTE berichten über das Thema am Donnerstag, 28. Mai 2026
- Im Radio ab 6 Uhr auf verschiedenen BR- und ARD-Hörfunkwellen
- Online u.a. ab 6 Uhr auf tagesschau.de und BR24
- Im Fernsehen im Ersten im ARD-Mittagsmagazin, in den Tagesschau-Ausgaben ab 17 Uhr, im Magazin Brisant (17.15 Uhr) sowie um 21.45 Uhr im Politmagazin KONTRASTE
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Datum: 28.05.2026 - 09:51 Uhr
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