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31 Jahre Srebrenica: Der lange Weg der Heilung, doch die Angst bleibt / "31 Jahre später ist unser Land immer noch gezeichnet"

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(ots) - Am 11. Juli 2026 jährt sich der Völkermord von Srebrenica zum 31. Mal. Seit 1992 steht die Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland solidarisch an der Seite der Menschen in Bosnien und Herzegowina. Für viele Überlebende und ihre Familien sind die Folgen des Genozids bis heute spürbar: Der Weg der Heilung wird durch aktuelle politische Entwicklungen und die Sorge vor neuer Gewalt erschwert. Nejra Neimarlija Roic, Projektmanagerin von Islamic Relief Bosnien, berichtet über die Herausforderungen bei der Überwindung des Traumas und warum viele Menschen heute wieder in Angst leben.

Generationen später ist das Trauma des Bosnienkriegs und das von Srebrenica noch immer allgegenwärtig, in Familien, in Körpern, in Seelen. Deswegen hat Islamic Relief Deutschland von 2014 bis 2024 Überlebende und Nachfahren mit einem Programm der psychosozialen Hilfe begleitet. Die bosnischen Teammitglieder von Islamic Relief in Bosnien-Herzegowina haben den Krieg selbst erlebt und Angehörige verloren. So auch Nejra Neimarlija Roic, Projektmanagerin, von Islamic Relief Bosnien. Sie sagt: "31 Jahre später ist unser Land immer noch gezeichnet. Die psychischen Narben sind über Generationen hinweg spürbar und heilen auch heute noch."

Aktuelle politische Spannungen und ein Gefühl von Unsicherheit würden das Heilen vielerorts erschweren, wie Neimarlija Roic berichtet: "Es herrschen anhaltende politische Spannungen, die die Menschen verunsichern und verärgern. Selbst heute fühlen sich die Menschen aufgrund der Aussagen einiger Politiker noch immer nicht sicher."

Zwischen 1992 und 1995 wurde Bosnien und Herzegowina von einem brutalen Krieg verwüstet, der mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete und mehr als 2 Millionen Menschen zur Flucht zwang. Am 11. Juli 1995 eroberten bosnisch-serbische Soldaten Srebrenica im Osten Bosniens und ermordeten in den folgenden Tagen systematisch über 8.000 bosniakische Männer und Jungen.

Auch die Unterdrückung der Identität der Überlebenden und Nachfahren ist Alltag, denn der Krieg hat konkrete Folgen für viele muslimische Bosnier: "In manchen Gegenden erhalten bosnisch-muslimische Kinder in der Schule keinen Unterricht in ihrer eigenen Sprache, sodass sie sich von ihrer eigenen Kultur entfremdet fühlen", erzählt die Programmmanagerin. Sie empfindet, dass erst die Überlieferung und das Erinnern eine Wiederholung solch schrecklicher Ereignisse wie in Srebrenica verhindern könne.



"Stellen Sie sich vor, Ihr Großvater wäre in Srebrenica ermordet worden, und nun würde man Ihnen in der Schule beibringen, dass es keinen Völkermord gegeben habe. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen weiterhin über den Völkermord, der hier stattgefunden hat, Bescheid wissen und ihn verstehen, um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder geschieht", sagt Neimarlija Roic.

Sie erzählt von der Bedrohung, die auch konkrete Projekte zum Schutz von Minderheiten und die Arbeit ihrer Team-Mitglieder verhindern. "Vor einigen Jahren plante Islamic Relief, in einem dieser Gebiete ein Gemeindezentrum für muslimische Kinder zu eröffnen, doch die Pläne mussten aufgrund von Sicherheitsbedenken und Drohungen aufgegeben werden. Einige unserer Mitarbeiter, die Lebensmittel ausliefern und sich für marginalisierte Gemeinschaften einsetzen, sind in Gefahr, wenn die Menschen unser Logo sehen und wissen, dass sie Muslime sind.", sagt sie.

Das sind nur einige der Herausforderungen, denen sie und die anderen Überlebenden und Nachfahren auch 31 Jahre später noch gegenüberstehen.

31 Jahre seit Srebrenica: Zwischen Trauma-Bewältigung und erneuter Angst vor Gewalt

Die aktuelle Bedrohung hält das oft nicht bewältigte Trauma am Leben, wie Faruden, Vater von zwei Söhnen erzählt: "Der Krieg hat mir meine Kindheit geraubt. Emir und mein jüngster Sohn, Haris, wissen alles über den Völkermord. Ich musste es ihnen erzählen. Ich bete, dass so etwas niemals, niemals, niemals wieder passieren wird. Aber jetzt, nach über 30 Jahren, steht uns erneut ein Krieg bevor. Die Geschichte wird sich zwangsläufig wiederholen."

Faruden hat mit zehn Jahren seinen Vater in Srebrenica verloren. Tschetniks, eine serbische Milizen Einheit, verbrannten ihr Haus. Er rannte um sein Leben und sah seinen Vater nie wieder. Faruden hat in Potocari ausgeharrt, wo er an Wasserstellen enthauptete Frauenleichen sah, die zum Wasserholen gegangen waren. "Das ließ mich erstarren. Ich habe monatelang kein Wort gesprochen. Vor lauter Angst waren mein Mund und meine Hände wie gelähmt", sagt er.

Sein älterer Sohn Emir ist heute 10 Jahre alt, so alt wie er selbst war. Er erzählt: "Als ich so alt war wie Emir, hatte die Hälfte meiner Schulkameraden ihren Vater verloren. Ich habe zu viele Menschen sterben sehen. Viel zu viele." Zusammen mit seinen beiden Söhnen und seiner Mutter Dervisa lebt Faruden in einer Flüchtlingssiedlung, die auf dem Gelände der ehemaligen sogenannten "Schutzzone" errichtet wurde. Diese war 1993 Jahren von der UN als Sicherheitszone ausgewiesen worden, um Tausenden von Menschen Zuflucht zu bieten, wurde jedoch 1995 nach der Einnahme durch bosnisch-serbische Truppen zur Todeszone.

Islamic Relief Bosnien hat gezielt Projekte zur psychosozialen Betreuung und Unterstützung von Menschen wie Faruden durchgeführt. Ein anonymer Projektteilnehmer erzählt davon, wie wichtig therapeutische Betreuung für seine Familie sind, um mit der Vergangenheit und Gegenwart zu leben: "Wir haben noch nie gefehlt, wir gehen alle zur Therapie, die ganze Familie. Glauben Sie mir, in dieser Krisenzeit braucht jeder Unterstützung und ich bin von ganzem Herzen dankbar."

Ein weiterer Überlebender des Krieges berichtet: "Ich nehme regelmäßig an Online-Sitzungen teil. Nun, ich muss sagen, ich bin zufrieden, diese Treffen helfen mir. Die Gespräche helfen mir, weil ich eigentlich niemanden habe, mit dem ich darüber reden kann. Meine Tochter ist 26 Jahre alt, und es fällt mir schwer, all das mit ihr zu besprechen - schließlich ist sie mein Kind."

Solidarität seit 1992: Die Geschichte von Islamic Relief Deutschland in Bosnien

Der Bosnienkrieg ist ein essentieller Bestandteil der Geschichte von Islamic Relief Deutschland. Bereits vor der offiziellen Gründung sammelten deutsche Unterstützerinnen und Unterstützer Spenden für die Opfer des Krieges. Ab 1992 gehörte Islamic Relief Deutschland zu den ersten Hilfsorganisationen vor Ort. Mehr als 700 Tonnen Hilfsgüter wurden verteilt. Später folgten Wiederaufbauprojekte für Häuser, Schulen und Krankenhäuser sowie Maßnahmen zur Einkommenssicherung und psychosozialen Unterstützung.

Bis heute begleitet Islamic Relief die Menschen in Bosnien und Herzegowina. Besonders Frauen, Kinder und ältere Menschen erhalten psychosoziale Unterstützung, um Kriegs- und Gewalterfahrungen zu verarbeiten. Mit Projekten wie "Pass it Forward" ("Gib es weiter") stärkte Islamic Relief Deutschland viele Jahre lang psychische Gesundheit von Überlebenden und Nachfahren von Srebrenica und des Bosnienkrieges. Generationenübergreifend hat das Programm durch professionelle Betreuung die psychische Gesundheit, die Resilienz und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesteigert.

Hintergrund


- Zwischen 1992 und 1995 wurden im Bosnienkrieg mehr als 100.000 Menschen getötet und über zwei Millionen vertrieben.
- Am 11. Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Truppen die damalige UN-Schutzzone Srebrenica ein. In den folgenden Tagen wurden mehr als 8.372 bosniakische Männer und Jungen systematisch ermordet; zudem wurden zahlreiche Frauen Opfer sexualisierter Gewalt.
- Der Völkermord von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und vom Internationalen Gerichtshof (IGH) als Völkermord eingestuft.
- Die Folgen des Bosnienkriegs und des Völkermords prägen Bosnien und Herzegowina bis heute. Viele Überlebende und Angehörige vermisster Opfer leben weiterhin mit den langfristigen Folgen von Krieg, Vertreibung und Gewalt.

Pressekontakt:

Sara Ahmed Martinez, Pressereferentin
Telefon: 01512 205 05 77
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