Deutsche AIDS-Hilfe: Drogentod nach Haftentlassung
ID: 256577
Deutsche AIDS-Hilfe und Akzept fordern Justizvollzug zum sofortigen
Handeln auf
Im Jahr 2009 kamen nach Angaben der Drogenbeauftragten der
Bundesregierung 1.331 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen ums
Leben. Dies ist zwar ein Rückgang um acht Prozent im Vergleich zum
Vorjahr (1.449), doch die Zahl der Drogentodesfälle befindet sich
weiterhin auf einem extrem hohen und nicht akzeptablen Niveau.
"Um diese hohe Zahl zu verringern müssen die Risikofaktoren
identifiziert werden, damit Präventionsmaßnahmen
zielgruppenspezifisch und passgenau entwickelt werden können",
erläutert Prof. Dr. Heino Stöver, Vorsitzender des Bundesverbandes
für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, akzept e.V.
Kriminalpolizeiliche Daten und Daten aus Drogenkonsumräumen zeigen
deutlich, dass Drogengebraucher nach Haftentlassung besonders
gefährdet sind, an einer Überdosis zu sterben. Die WHO geht von einem
mehr als 100fach erhöhten Sterberisiko für drogenabhängige,
rückfällige gewordene Haftentlassene in den ersten Wochen nach
Haftentlassung aus. Diese Sterbefälle kommen durch unbeabsichtigte
Überdosierungen zustande - tödliche Unfälle, die vermeidbar sind.
Prof. Dr. Heino Stöver: "Ausschlaggebend für die deutlich erhöhten
Drogentodesfallrisiken von Haftentlassenen sind die gesunkene
Toleranz des Körpers nach temporärer Abstinenz, die Unkenntnis über
den Reinheitsgrad der verwendeten Droge sowie ein verändertes
Drogenkonsumverhalten. Hinzu kommen soziale Stressfaktoren infolge
des Haftaufenthaltes wie Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit und
fehlende soziale Bezüge."
Die Standards der medizinischen Versorgung in Haft sollen mit
denen außerhalb der Haft vergleichbar sein. Dies ist gesetzlich
verankert und in vielen internationalen Leitlinien festgeschrieben
(u.a. WHO, EU). "Die Bundesländer sind in der Verantwortung - nicht
nur moralisch sondern auch gesetzlich", sagt Bärbel Knorr,
Mitarbeiterin des Fachbereichs Drogen und Haft der Deutschen
AIDS-Hilfe e.V.
Deutsche AIDS-Hilfe und Akzept. e.V. fordern:
Bedarfsgerechte Substitutionsbehandlung im Gefängnis! - Die
Substitution mit Ersatzstoffen reduziert die Wahrscheinlichkeit der
Überdosierung nach Haftentlassung drastisch, auch die
Infektionsgefahren während der Haftzeit können dadurch minimiert
werden. "Die Substitutionsbehandlung im Gefängnis ist eine
stabilisierende und überlebenssichernde Maßnahme", sagt Dirk
Schäffer, Referent für Drogen und Haft der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.
Auch die Bundesärztekammer vertritt diese Haltung in ihren
Richtlinien.
Erweiterung des Drogenhilfe- und Aidshilfe-Angebots in Haft -
Wegsperren ist keine Lösung, Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen
benötigen Beratungsangebote.
Drogennotfalltrainings - In einigen Berliner
Justizvollzugsanstalten wurden Drogennotfalltrainings durchgeführt.
"Die Trainings beschränken sich nicht nur auf das Trainieren des
angemessenen Verhaltens im Drogennotfall, sondern thematisieren auch
besondere Risiken wie den Konsum nach Abstinenz. Auch die Vergabe von
Naloxon (Opiatantagonist), eingebettet in ein Drogennotfalltraining,
kann eine sinnvolle lebensrettende Maßnahme sein", erklärt Kerstin
Dettmer von Fixpunkt e.V.
"Diese präventiven Maßnahmen sind in den bestehenden Strukturen
des Justizvollzugs ohne erhebliche finanzielle Mehrkosten umsetzbar.
Hier geht es um Menschenleben, die nicht leichtfertig auf Spiel
gesetzt werden dürfen. Wir fordern daher die Justizministerien der
Länder zum Handeln auf", erklären Prof. Stöver und Dirk Schäffer.
PRESSEKONFERENZ
5. Europäische Konferenz zur Gesundheitsförderung in Haft in Hamburg
Pressekonferenz am 15.09.2010 um 10 Uhr
Thema: "Drogentodesfälle nach Haftentlassung"
Georg-Asmussen-Haus
Böckmannstr. 3
20099 Hamburg
Pressekontakt:
Prof. Dr. Heino Stöver, Akzept e.V., Telefon: 0162 1334533,
hstoever@fb4.fh-frankfurt.de
Bärbel Knorr, Deutsche AIDS-Hilfe, Telefon: 030 690087-45,
Baerbel.knorr@dah.aidshilfe.de
www.aidshilfe.de
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Datum: 13.09.2010 - 14:10 Uhr
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