Südwest Presse: Kommentar - Volksbegehren

Südwest Presse: Kommentar - Volksbegehren

ID: 256863
(ots) - Irgendetwas treibt die Bürger entweder auf die
Barrikaden oder in die Resignation. Offenbar reichen die
herkömmlichen Formen der politischen Partizipation - Mitgliedschaft
in Parteien, Teilnahme an Wahlen - nicht mehr aus, um die
parlamentarische Demokratie lebendig zu erhalten und ihre Akzeptanz
zu sichern. Immer mehr Menschen drücken ihren Willen in öffentlichen
Aktionen aus oder durch Verzicht auf ihr Stimmrecht. Das Volk
schwankt zwischen lautstarkem Protest und stillem Frust. Die
zunehmende Kluft, die Wähler und Gewählte voneinander trennt, bleibt
natürlich auch der politischen Klasse des Landes nicht verborgen.
Jüngst hat der Bundespräsident mit Sorge über diesen
Entfremdungsprozess gesprochen, doch war Christian Wulff weder der
erste Repräsentant des Staates, der das Thema als drängend entdeckt
hat, noch darf er behaupten, dass er in seiner bisherigen Rolle als
führender Vertreter der Parteiendemokratie mehr als andere dazu
beitragen konnte, die Distanz zum Bürger nicht weiter wachsen zu
lassen. Man muss also abwarten, ob es Wulff gelingt, neue Brücken
zwischen Bevölkerung und Politik zu bauen: Die einen zu ermahnen,
ihren Beitrag zum Gemeinwesen nicht auf eine bloße Antihaltung zu
beschränken, die anderen zu ermuntern, weniger Angst vor Volkes
Stimme zu haben. Schon der Vorgänger im Schloss Bellevue hatte
durchaus erkannt, dass da etwas auseinander läuft, was zusammen
gehört, nur hat Horst Köhler für sich selbst und die herrschende
Politik falsche Schlüsse daraus gezogen. Diesen Fehler sollte und
darf Christian Wulff nicht wiederholen. Intuitiv reagieren die
Adressaten des Unmuts sogar richtig auf die gesellschaftliche
Empörung über undurchsichtige Entscheidungen in der Politik und ein
Erstarken jener fünften Macht, die der frühere Präsident des
Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, im florierenden


Gewerbe von Interessenverbänden und Lobbyisten sieht. Die Parteien
scheinen den Ruf nach mehr direkter Demokratie zu hören und antworten
darauf mit breiteren Angeboten plebiszitärer Beteiligung, etwa durch
Bürgerbegehren oder basisdemokratische Kandidatenkür - zurück zu den
Graswurzeln der Volksherrschaft mithin. Ist das die Lösung? Vorsicht.
Lange schon debattiert der Bundestag über eine Ergänzung des
Grundgesetzes um direktdemokratische Instrumente, ohne den
repräsentativen Charakter unserer staatlichen Ordnung in Frage zu
stellen. Was in Gemeinden und Ländern längst politische Praxis ist,
stößt im Bund auf größere Reserven. Tatsächlich eignen sich kommunale
Genehmigungsverfahren oder das gegliederte Schulsystem eher für ein
Referendum als die Frage, ob sich die Bundeswehr nun aus Afghanistan
zurückziehen soll oder nicht. Besonders aber muss vor scheinbar
uneigennützigen Offerten der Parteien an Bürger oder Basis gewarnt
werden, wenn diese vorrangig taktischem Kalkül entspringen. Chancen
der Mitbestimmung bei Personal- oder Sachentscheidungen müssen echt
und effektiv sein, nicht aber wie im Fall von Stuttgart 21 der
verzweifelte Versuch, Verantwortung abzuwälzen und einem selbst
produzierten Dilemma zu entrinnen. Nur was wirklich zu mehr
Transparenz bei der Willensbildung in Parlamenten und Regierungen
führt, zu mehr Einfluss der Bürger sowie zu einem Aufbrechen der
Oligarchie von Parteifunktionären und Mandatsträgern zu Gunsten von
einfachen Mitgliedern oder Sympathisanten, zu mehr wirksamer
Beteiligung der Wähler an den Verhandlungen über die Geschicke dieses
Landes, wäre ein Gewinn. Volksentscheide als Alibi, Basisdemokratie
als Event indes helfen der Demokratie nicht aus der
Glaubwürdigkeitskrise.



Pressekontakt:
Südwest Presse
Lothar Tolks
Telefon: 0731/156218

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
drucken  als PDF  WAZ: Der Bundespräsident in Duisburg - Wulffs Klasse. Kommentar von Wilhelm Klümper Rheinische Post: Werben für Europa
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 13.09.2010 - 19:36 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 256863
Anzahl Zeichen: 4082

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Ulm



Kategorie:

Politik & Gesellschaft



Diese Pressemitteilung wurde bisher 542 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Südwest Presse: Kommentar - Volksbegehren"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

S (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

WM-Hauptsponsor Adidas muss Arbeitsrechte achten und existenzsichernde Löhne zahlen - Der Kampf gegen Zwangsarbeit muss auch nach der WM weitergehen ...
Zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft rufen das SÜDWIND-Institut und die Romero Initiative (CIR) Aktive dazu auf, sich gegen Menschenrechtsverletzungen im Zuge der WM einzusetzen. Lange vor der WM waren die skandalösen Arbeitsbedingungen im Bausektor Katars bekannt, von denen Arbeitsmigrant*i

Genieße Weihnachten nachhaltig mit dem Fleur de Sel der Alpen (FOTO) ...
Gerade in unsicheren Zeiten möchte man sich zu Weihnachten was Besonderes gönnen und mit der Familie mit gutem Gewissen feiern. Dazu gehört eine schön gedeckte Tafel, leckeres Essen und liebevoll ausgewählte Geschenke. Doch welche Produkte kann man in Zeiten der Klimakrise und Energieknapphei

Branchendialog Automobil: Beschwerdemechanismus in Mexiko braucht deutlich stärkeres Engagement von Unternehmen ...
Zivilgesellschaft: Automobil-Industrie muss Chance nutzen und sich stärker zum Pilotprojekt aus dem Branchendialog Automobil bekennen - mehr Beteiligung relevanter Unternehmen und verbindliche Zusagen für Beschwerdemechanismus in Mexiko wichtig Anlässlich des Fachtages "Branchendialog Aut


Weitere Mitteilungen von S


Rheinische Post: Werben für Europa ...
Ein Kommentar von Matthias Beermann: Europa ist eine feine Idee, aber sie kommt dummerweise nicht immer so recht rüber. Daran dürfte wohl auch der neueste Plan der EU-Kommission nichts ändern. Deren Präsident, der Portugiese José Manuel Barroso, möchte offenbar die EU-Kommunikationsstrat

Rheinische Post: Schäubles Theorie ...
Ein Kommentar von Birgit Marschall: Wolfgang Schäuble wird heute bei der Einbringung seines ersten eigenen Bundeshaushalts betonen, wie er sich die Linie moderner Finanzpolitik vorstellt: Wachstumsfreundlich soll sie sein, und trotzdem mittelfristig eindeutig ausgerichtet auf den Defizitabba

Rheinische Post: Anstoß für mehr Organspenden ...
Ein Kommentar von Gregor Mayntz: Die Persönlichkeitsrechte jedes Menschen enden nicht mit seinem Tod. Das hat das Verfassungsgericht bereits Anfang der 70er Jahre festgestellt. Auch ohne dieses Wissen um das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf körperliche Unversehrtheit verspüren viele

Ostsee-Zeitung: OSTSEE-ZEITUNG Rostock zu Sarrazin ...
Der Fall Sarrazin hat die SPD in eine Situation gebracht, in der sie nur verlieren kann. Mit dem eingeschlagenen Rauswurf-Verfahren setzt sich die Partei dem Verdacht aus, einen unbequemen Kritiker der Zuwanderung mundtot machen zu wollen. Umgekehrt gilt: Hätte sie es bei einer Distanzierung be


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z