BERLINER MORGENPOST: Ballermann und Bremse
Hajo Schumacherüber das Krisenmanagement von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy
ID: 461287
Mobiltelefon an - sofern man es überhaupt ausgeschaltet hat -, und
aufgeregte Anrufe, SMS, Mails fluten los: Alarm, Ernstfall, sofort
muss gehandelt werden. Hektik herrscht, bisweilen Hysterie. Wir
müssen handeln, egal wie. Gegen Mittag hat sich der Sturm gelegt,
nachmittags erweist sich die ganze Aufregung oft als ziemlich
überflüssig. Am Feierabend stellt sich heraus, dass der ganze
Aktionismus vor allem unnütze Arbeit erzeugt hat. Wer sich im Urlaub
den Luxus gönnen durfte, tageweise einfach mal gar nicht digital zu
kommunizieren und den Strom der aufgeregten Mails als unbeteiligter
Beobachter wahrnahm, der hat gelernt: Nichtstun ist manchmal die
beste Lösung. Womit wir bei der Politik wären. Dieser Tage jagen sich
Informationen im Sekundentakt. Der DAX schlägt Wellen, morgens 8
Prozent ins Minus, nach dem Lunch 3 Prozent im Plus. Rating für
Frankreich runter? Rettungsfonds rauf? Italien-Anleihen kaufen oder
Griechen-Papier abstoßen? Experten überbieten sich mit großartigen,
leider oft widersprechenden Ratschlägen. Einig sind alle nur, dass
gehandelt werden muss, sofort und entschlossen. Aber wie? Das Problem
politischen Handelns ist, dass es lange dauert und zumeist einen
Rattenschwanz unabsehbarer neuer Probleme mit sich bringt. Zunächst
werden Optionen entwickelt, Einwände geprüft, dann Mehrheiten in
Regierung, Koalition und Parlamenten organisiert, manchmal sogar
nationale und internationale Folgen abgeschätzt. Die Politik ist eine
Schnecke in einer Welt, die nur noch Höchstgeschwindigkeit kennt.
Während ein Gesetz mühsam verabschiedet wird, sprintet die Realität
längst weiter. Verzichtet die Regierung stattdessen aufs Parlament,
wird die Demokratie zuverlässig ausgehöhlt. Es ist nicht Aufgabe der
Regierenden, immer und sofort gegen alles einzuschreiten, im
Gegenteil. Nervosität erzeugt meist mehr Nervosität. Gute Politik
folgt nicht jeder hektischen Bewegung, sondern hat die selbstbewusste
Kraft zu Analyse und Entschleunigung. Volksvertreter dürfen gerade in
unruhigen Zeiten Mut zur Gelassenheit beweisen. Dazu gehört
allerdings die Fähigkeit zu erkennen, wann es wirklich brennt und wo
es nur ein wenig qualmt. Am Ende sind wenige schlechte Entscheidungen
immer noch besser als viele. Wenn der wahlkämpfende Franzose Sarkozy
am Dienstag in Berlin einmarschiert, steht die zuwartende Kanzlerin
einem Aktionisten gegenüber, der sich am liebsten täglich über
epochales Handeln definiert. Einer Umfrage zufolge wünschen sich die
Franzosen mehrheitlich eine deutlich entschleunigtere Kraft an der
Spitze ihrer Regierung. Die Deutschen wiederum hadern mit ihrer
zuwartenden Chefin. Vermutlich ist dieses europäische Duo aus
Ballermann und Bremse nicht die schlechteste Führung.
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Datum: 13.08.2011 - 19:03 Uhr
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